Geografie verrät Täter

1. Juni 2002, 20:00
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"Geographic Profiling" kreist die "Jagdgründe" Krimineller ein

Der kanadische Kriminologe Kim Rossmo las in einem Buch über das Jagdverhalten von Löwen. Und sah sich plötzlich erstaunliche Parallelen ziehen: Haben nicht auch Verbrecher so etwas wie "Jagdgründe"? Begehen Kriminelle wie Serienmörder ihre Taten nicht oft unweit ihres Wohn- oder Arbeitsortes?

Aus seiner Erfahrung als Polizeibeamter wusste Rossmo: Verbrecher haben in der Regel eine Routine wie Normalbürger auch. Und: "Täter haben oft ein Verlangen, in ihrer eigenen Komfortzone aktiv zu sein." Mit dieser Ausgangslage müsste es möglich sein, anhand von Informationen über Tatorte oder Fundstellen von Leichen die Wohnung des Täters einzukreisen.

Erste Berechnungen anhand bekannter Serienmorde gaben ihm Recht. Vor allem Wiederholungstäter - Serienmörder, Vergewaltiger, Einbrecher, Bombenleger oder Brandstifter - würden wichtige Hinweise liefern.

Kim Rossmo, auch ein studierter Mathematiker, entwickelte nun jahrelang das Suchsystem "Geographic Profiling": das geografische Einkreisen der Wohnung eines Wiederholungstäters. Mit dem Softwareprogramm "Rigel", das auf einer Menge statistischen Materials basiert, lassen sich im Computer dreidimensionale Landkarten erstellen. Punkte darauf bezeichnen Tatorte - etwa die Fundstelle der Leiche oder den Ort des Opferkontakts - und werden mit Linien verbunden.

Eine erfolgreiche Suche erfordere fünf oder mehr Tatorte. Da der Täter vermeiden will, dass er entdeckt wird, hält er fast immer eine Pufferzone um seine Wohnung ein, wo er keine Verbrechen verübt. Diese und alle anderen verfügbaren Informationen werden dann in den Computer eingegeben. Die Software verarbeitet sie und erstellt ein statistisches Wahrscheinlichkeitsmodell. Auf der Reliefkarte erscheinen abgegrenzte Flächen mit unterschiedlichen Farben, wobei Grau die am wenigsten wahrscheinliche Gegend angibt.

20-mal weniger suchen

Die "heißen Stellen" leuchten dagegen rot. So kann der mögliche Bewegungs- und Wohnraum eines Täters von zunächst 100 auf bis zu fünf Prozent eingegrenzt werden. Das hilft den Ermittlern etwa, Polizeidateien auf Adressen von Verdächtigen in der eingegrenzten Gegend zu durchsuchen, anstatt eine ganze Stadt abzusuchen.

Dank Geographic Profiling rücken manchmal auch bislang unberücksichtigte Gegenden in den Blickpunkt. So gab es im US-Bundesstaat Louisiana von 1984 bis 1995 eine ungelöste Serie von Vergewaltigungen. Die Polizei von Lafayette City ließ ein geografisches Profil erstellen, das eine bisher unbeachtete Gegend als möglichen Wohnort des Täters einzonte. Ihre Liste mit 2000 Hinweisen wurde daraufhin nochmals durchgekämmt. Einem Mann auf der Liste, der in der roten Zone des Computerbildes wohnte, wurden eine DNA-Probe und Fingerabdrücke abgenommen. Die Proben stimmten mit den Spuren am Tatort überein. Der Täter legte schließlich ein Geständnis ab. Geographic Profiling wird inzwischen unter anderem von der US-Bundespolizei FBI und von Scotland Yard angewendet. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 6. 2002)

Von Bernadette Calonego aus Vancouver
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    So sieht eine Karte aus, auf die "Geographic Profiling" angewandt wurde

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