Der Blick seitwärts

31. Mai 2002, 21:08
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Der Praterstern hat keine eigene Existenz, höchstens eine Funktion. Er ist ein Verteilerkreis über die verkehrstechnische Bedeutung hinaus. Eine Begehung durch Raum und Zeit.

Den Tegetthoff Willi, wie man den alten Herrn der langen und ungetrübten Bekanntschaft wegen wohl nennen darf, den Tegetthoff Willi kann so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen. Die vielen Autos nicht, die ihn Tag für Tag einnebeln und anstinken. Der Umstand nicht, dass sie da so eine Art Beserlpark hingeschustert haben, in den sich selbst die Hunde nur in äußerster Not hinführen lassen. Und dass ihm die Tauben auf den Kopf scheißen, auch daran hat er sich längst schon gewöhnt.

Das Fernrohr hat er abgesetzt. Was sollte er auch schon sehen wollen? Gut, hin und wieder mag es ihn lusten, zur Stephanskirche hinüberzuschauen. Aber andererseits steht die auch Tag für Tag nur so da und brennt, wie die Hofburg, nur alle heiligen Zeiten. Und so steht er halt da, wie Denkmäler auf Heldensäulen eben zu stehen haben: stoisch und in sich gekehrt, die Brust vorgewölbt, in die Praterstraße hinein, den Boulevard verlängernd quer durch die Innere Stadt, bis hinüber zum Heldenplatz, den er von dort oben wahrscheinlich wirklich detailgenau sehen könnte, würde er sein Fernrohr benutzen.

Aber irgendwann in diesen mehr als hundert Jahren, die der Admiral Wilhelm von Tegetthoff, der Sieger von Lissa, schon dort oben steht auf seiner mit martialischen Rammbugen und mythischen Wassertieren geschmückten Säule, irgendwann muss ihn etwas kurz, aber entschieden aus der Ruhe gebracht haben. Denn während sein ganzer gestraffter Körper in die Praterstraße hineindrängt, ganz so, als wollte er gerade von seiner wüsten Adriaschlacht gegen die Italiener im Jahr 1866 zu erzählen anfangen, hat er den Kopf in einer erstaunten Bewegung nach rechts gewendet, dem Augarten zu, als hätte ihn ein lästiger Zwischenruf gestört in seinem kaisertreuen Pathos, eine unschickliche Anpöbelung. Unangenehm überrascht, schaut er seit damals in die Heinestraße, hinein in die tiefere Leopoldstadt, in die Brigittenau hinüber, und aus den Augenwinkeln sieht er wohl auch die Meldemannstraße, wo sie 1905 ein Heim für obdachlose Männer eröffnet haben, in dem sich fünf Jahre später ein 21-jähriger Oberösterreicher einquartierte, der sich dort mit schnell hingepinselten Postkarten über Wasser hielt.

Bedauerlicherweise muss, will man über die Tegetthoffsche Gegend - den Praterstern, die Praterstraße, den Nordbahnhof, die Leopoldstadt und die Brigittenau, den Prater selbst - erzählen, auch über diesen damals jungen Oberösterreicher geredet werden, der nicht nur dafür gesorgt hat, dass diese Stadtgegend rabiat entvölkert wurde. Ihm ist auch zu verdanken, dass die weite Gegend im Norden des Pratersterns seit Jahrzehnten schon ein "Stadtentwicklungsgebiet" ist. Wo heute die aus unerfindlichen Gründen für modern gehaltenen Glaspaläste die Bombenlücke zwischen der alten Leopoldstadt und den neuen, himmelhohen Stadtzentren an der Donau schließen, stand einst ja der Nordbahnhof, das Tor zum Norden und Nordosten der alten Habsburgerlande, dessen residenzstädtische Verlängerung stets auch - und vor allem - die Leopoldstadt gewesen ist.

Heute sind es die Büromenschen, die von der U-Bahn zur Arbeitsstatt eilen und wieder zurück. An den Wochenenden radeln sie hinüber zur Donauinsel. Haben sie kleine Kinder, zieht es sie zu den irrwitzig teuren Buden im Prater, Jogger schwitzen ein paar Schritte südlich durch die Hauptallee, vorbei an der Heute sind es die Büromenschen, die von der U-Bahn zur Arbeitsstatt eilen und wieder zurück. An den Wochenenden radeln sie hinüber zur Donauinsel. Haben sie kleine Kinder, zieht es sie zu den irrwitzig teuren Buden im Prater, Jogger schwitzen ein paar Schritte südlich durch die Hauptallee, vorbei an der Republik Kugelmugel des Edwin Lipburger, des einzigen Staates in Europa, der sich mit Stacheldraht vor weiß Gott was schützt. Fußballanhänger in der verzweifelten Siegeshoffnung strömen ins Stadion, sehr Einsame in der noch verzweifelteren Liebeshoffnung zu den dunklen Rustenschacherschen Plätzen, Galopper und Traber, Messeaussteller und Messebesucher, alte, taubenfütternde Damen, Flaneure aller Art. Die Weite der Pratergegend und die unvermittelte Naturwüchsigkeit locken eine beachtliche Menschenvielfalt hierher, wo es freilich bei weitem nicht so ist, wie man es von der eigenen Firmung in Erinnerung haben mag.

Wo der Prater an die Stadt andockt, dort, wo früher die Verbindungsbahn zwischen Nord- und Südbahnhof, die der Platzschwingung in einem eleganten Bogen gefolgt ist und das Vergnügen vom Alltag so deutlich begrenzt hatte, dort gelangt der moderne Stadtbau zu seinem eigentlichen Kern, der Melancholie. Selbst die mit geziertem Gärtnerherzen angelegten Blumenrabatte am Beginn der Hauptallee reden kaum was vom Frühling, eher von sich und der Unwürdigkeit ihrer Existenz, davon, dass sie sich deplatziert vorkommen. Seit sie den Bahndamm vom Rand ins Zentrum des Platzes verlegt haben, hat er die Demarkationslinie zwischen Stadt und Natur verloren. Östlich der Schnellbahn ist fast schon der Prater, westlich davon fast schon die Leopoldstadt, aber erst wer den Platz hinter sich gelassen hat, ist jeweils wirklich dort.

Der Praterstern hat jedenfalls keine eigene Existenz, höchstens eine Funktion. Er ist ein Verteilerkreis über die verkehrstechnische Bedeutung hinaus. Wer versucht, den durch die Bahn geteilten Platz zu umrunden - und das kann seine Zeit dauern -, streift mit wenigen Schritten die unterschiedlichsten Lebenswelten. Von der smarten Geschäftshektik der Lassalle-Büros über die definierte Ausgelassenheit der Praterwurstel, die fast antiquiert wirkende Proletarieratmosphäre der Nordbahnstraße, wo immer noch ein wenig die Lagerhaus- und Speditionskultur des alten Nord- und des Nordwestbahnhofes wirkt, die einfältigen Wiederaufbaukuben wie etwa das ÖBB-Haus bis hinüber zur schon wieder fast mondänen, Wien selbst ins Herz zielenden Praterstraße, die zuweilen wirken kann, als würde sie den Platz ein- und ausatmen. Ein Eindruck, der nicht nur von den rhythmischen Autoschüben herrührt, bei denen er freilich im Wortsinne zutrifft.

Das Gasthaus Hansy liegt genau an der Ecke. Auf keinen Fall noch Praterstraße, aber schon Praterstern natürlich auch nicht, obwohl sein Schanigarten dort hinauswächst, wo eine aufasphaltierte Fläche der Heinestraße den Platzzugang sperrt. An seiner Stelle stand einmal - auf alten Postkarten kann man es lesen - ein "Automaten-Büffet". Heute ist das Hansy, auf den ersten Blick wenigstens, eines dieser so genannten gutbürgerlichen Wiener Wirtshäuser, jedenfalls eines, das seine in Kiefernfarben gehaltene Renovierung auf wundersame Weise überstanden hat. Der Atem der Praterstraße hat eine für den lokalen Geschmack geradezu vielfältige Weinkarte und das gepflegte Bier einer kleinen burgenländischen Wirtshausbrauerei hereingeweht. Hansy-Bräu nennt sich das Bier, und das schmeckt auch dem zahnlosen jungen Herrn mit der beeindruckenden Unterarmtätowierung, der seinen schwarzen Schäfermischling als Kampfhund maskiert hat.

Die wirklichen Welten jenseits des dämmerigen Zwischenreiches am Praterstern - in dem nur die gemächlichen Damen und Herren, die ihre Zeit mit dubiosem Getränk totschlagen, autochthone Erscheinungen sind - beginnen erst ein paar Schritte weiter. In der Novaragasse und der Afrikanergasse, in der Kleinen Stadtgutgasse, die sich stadteinwärts zur Weintraubengasse verlängert, in der Zirkusgasse, und in der Taborstraße auch. Das alles ist schon Leopoldstadt, das Herz des jüdischen Wien, das einst so kräftig geschlagen hatte.

Einer dieser Herztöne klang spanisch. Das waren die Türken, die nach der Vertreibung im erzkatholisch gewordenen Iberien nach Afrika siedelten, Untertanen des diesbezüglich recht liberalen Osmanischen Reiches wurden und sich, wie die nach Osten Gezogenen das Deutsche als Jiddisch, ihr Spanisch behalten hatten. Die Sepharden, die sich als türkische Bürger in Wien niederließen, hatten ihren eigenen Tempel in der Zirkusgasse und ihre "Casa Sefardi" in der Weintraubengasse. Peirera hießen sie und de Mayo und Nissan. Und Canetti natürlich.

Einen dieses Namens gab es, der las, so überlieferte es sein Enkel, stets nur in der Türkei hergestellte Zeitungen in aramäischer Schrift und altspanischer Sprache, El Tiempo etwa oder La Voz de la Verdad. Später ist aus dem Enkel ein deutsch schreibender Nobelpreisträger geworden, aber zuvor schon, 1934, heiratete er eine gewisse Veza Calderon, die in der Arbeiter-Zeitung Geschichten aus und über "Die gelbe Straße" schrieb. Sie plante, daraus ein Buch, einen "Roman einer Straße" zu machen, aber da kam ihr der Februar 1934 dazwischen. Erst 1990 erschien das Buch. Und ihr Elias schrieb das Vorwort dazu: "Die Ferdinandstraße der Wiener Leopoldstadt, wo sie wohnte, war die Straße der Lederhändler. Da war ein Grossist an dem anderen, sie standen in der Tür an ihren Lagern, als wären sie mit nichts beschäftigt." Das alles hatte "nicht im Aussehen, wohl aber im Wesen etwas Orientalisches".

Von der Praterstraße über die Franzensbrückenstraße zum Bahndamm. Wo die neue Schnellbahn auf die alte Trasse der Verbindungsbahn trifft, zweigt die Helenengasse ab. Das ist die Straße der Automechaniker. In jedem Viaduktbogen eine Werkstätte, ein Mechaniker an dem anderen. Wenn das Wetter es erlaubt, verlegen sie ihren Arbeitsplatz ins Freie, und was immer Canetti mit "orientalisch" gemeint haben mag: So oder so ähnlich war es wahrscheinlich in der alten gelben Straße in der alten Leopoldstadt.

Das schon 1984 von Ruth Beckermann herausgegebene Buch Die Mazzesinsel fasst die Vielfalt und Gegensätzlichkeit dieser Leopoldstadt recht eindrucksvoll zusammen. Bis hin zu ihrem Ende im März 1938. Acht schlichte Fotografien erzählen darin von einer Alltagsszene dieses Endes. Eine Gruppe von Männern, angeführt von einem jungen und einem mittelalterlichen Mann, dem das Sakko spannt überm Bauch, treibt einen kleinen, alten, bärtigen Mann vor sich her über die Heinestraße zum Café Heine. In der Hand hält der Alte einen Farbtopf, aus dem der Stiel des Pinsels schaut. Das Kaffeehaus wird mit Davidstern und dem Wort "Jud" markiert. Der alte Mann schaut weder ängstlich noch empört. Nur fassungslos. Der Anführer in seiner Knickerbocker grinst, und um dieses Grinsen in dieser Situation zu beschreiben, fehlen einfach die entsprechenden Eigenschaftswörter.

Die Augen des alten, gedemütigten Mannes schauen durch den unbekannten Fotografen, als suchten sie etwas weiter Entfernteres. Es mag dieser Moment gewesen sein, da der alte Tegetthoff sich zur Seite gedreht hat. Seine Rede vom Sieg in jenem Jahr 1866, in dem auch das weitaus entscheidendere Königgrätz geschah, unterbrach er. Seither schweigt er. Nicht eisern. Aber doch immerhin bronzern. Wie so vieles andere in Österreich auch. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 01./02.06.2002)

Von Wolfgang Weisgram

Ruth Beckermann (Hg.), Die Mazzesinsel, Wien, Löcker 1984. Veza Canetti, Die gelbe Straße, Hanser, München Wien, 1990. Helfried Seemann, Christian Lunzer (Hg.), Leopoldstadt 1860-1930. Album, Verlag für Photographie, Wien 1999.

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    foto: standard/cremer
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