Vorwürfe gegen Autor Martin Walser: FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher

31. Mai 2002, 20:17
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Vom Wunderkind zum Wortführer im Feuilleton

Frank Schirrmacher wurde einst als "Wunderkind" des deutschen Feuilletons gefeiert. Über Empfehlung des bekannten Heidelberger Politologen Dolf Sternberger bekam der damals 25-Jährige 1984 eine Hospitanz bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.). Ein Jahr später war der promovierte Philosoph Feuilletonredakteur, mit 29 Jahren folgte er dem damals schon legendären Marcel Reich-Ranicki als Leiter der F.A.Z.-Redaktion "Literatur und literarisches Leben" nach.

Zweifel, dass ihm die Schuhe des bekanntesten Literaturkritikers im deutschsprachigen Raum zu groß sein könnten, dürfte der selbstbewusste Schirrmacher nie gehabt haben. Ehrgeiz, Talent, raschen Geist, Witz und die bei der F.A.Z. durchaus übliche Portion Ideologie brachte er mit. Mit der offensichtlichen Lust am öffentlichen Disput regte er in seinen mit "Schi" gezeichneten Artikeln Debatten an, die weit über den Feuilletonbereich hinausgingen. Mit Obsession widmet er sich seit kurzem der Genetik, die er dem F.A.Z.-Feuilleton auch gegen heftigen internen Widerstand eingepflanzt hat.

Gefördert von seinem Mentor Joachim Fest wurde Schirr- macher mit 34 Jahren Herausgeber. Dieser Posten wird gerne als Olymp in der deutschen Medienbranche bezeichnet. Zweifelsohne ist der Beamtensohn der schillerndste von den fünf F.A.Z.-Herausgebern - und der einflussreichste Feuilletonist im deutschen Sprachraum. Dass sein Wort Gewicht hat, zeigt sich derzeit wieder eindrucksvoll bei der von Schirrmacher losgetretenen Debatte über "antisemitische Klischees" im jüngsten Roman von Martin Walser, Tod eines Kritikers.

Warum Schirrmacher ausgerechnet jenen Autor, den er 1998 in der Laudatio zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels würdigte, auf Basis eines unveröffentlichten Manuskripts nun so attackiert, ist Anlass für Spekulationen. Aufbau-Verleger Bernd Lunkewitz vermutet, Schirrmacher wollte einen "verkaufsfördernden Eklat" provozieren. Andere mutmaßen, Schirrmacher wolle sich als Initiator einer literaturpolitischen Debatte im Soge der Möllemannschen Antisemitismus-Diskussion in Deutschland profilieren.

Als der Herausgeber jüngst seine Ankündigung, das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen übersiedle von Frankfurt nach Berlin - wo Schirrmacher mit Frau und Kind lebt - zurücknehmen musste, galt er als düpiert. Auch wenn Schirrmacher für sich die Devise "Viel Feind, viel Ehr'" in Anspruch nimmt, reagiert er erstaunlich dünnhäutig, wenn es um ihn selber geht. Wie Kollegen berichten, kennt Schirrmacher jede Bosheit auswendig, die über ihn gedruckt worden ist. Deshalb sei noch erwähnt, dass das Time-Magazin den 42-Jährigen bereits unter die "Männer des Jahrhunderts" einreihte.

Von Alexandra Föderl-Schmid
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    foto: der standard
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