"Ganz oben lebt man einsam"

3. Juni 2002, 22:52
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Das Repertoire einer "wirklich guten" Führungskraft ist groß, es reicht von der fachlichen Spitzenleistung über das hervorragende Gespür für Menschen bis zur charismatischen Ausstrahlung.

Warum will das Gros der Manager Mitarbeiter führen? Warum streben viele Spezialisten nach HR-Verantwortung, anstatt ihre Fachkompetenz zu stärken? Karina Homan, geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung Homan & Statzer, weiß aus ihrer nunmehr 20-jährigen Erfahrung als Personal-Entscheiderin: "Dass viele Spezialisten eine Teamleiterfunktion anstreben, liegt wahrscheinlich daran, dass sie ein traditionelles Bild von ihrer beruflichen Laufbahn besitzen, Macht viel Bedeutung zuschreiben und Führungspositionen mit höheren Gehältern assoziieren."

Doch Letzteres sei häufig nicht der Fall, da ein SAP-Consultant, der fachlich kompetent und sattelfest ist, meist über dasselbe Gehalt verfügt wie ein Abteilungsleiter mit Mitarbeiterverantwortung.

"Ganz oben an der Spitze ist man einsam. Nur wer hart zu sich selbst und zu seinem Umfeld ist, eine dicke Haut besitzt und über eine hohe Frustrationstoleranz verfügt, kann auf erster Ebene überleben", konstatiert Homan, deren Unternehmen sich auf die Direktsuche und -auswahl von Führungskräften spezialisiert hat.

Einfühlungsvermögen

"Eine gute Führungskraft muss ein hervorragendes Gespür für Menschen haben, authentisch und fachlich unumstritten sein, Einfühlungsvermögen besitzen und vor allem auch mit einer charismatischen Ausstrahlung beeindrucken können.

Das Innehaben einer Position alleine reicht heute nicht mehr aus, um Respekt von seinen zunehmend kritischen Mitarbeitern zu ernten", betont Homan, die zurzeit in ihrem rein weiblichen Unternehmen sechs fix angestellte und weitere sechs freie Mitarbeiterinnen leitet und im letzten Jahr etwa 120 heikle Führungspositionen besetzte. Einige würden sich auch gehörig überschätzen, in der neuen Funktion nicht zurecht kommen und schier verzweifeln.

Deshalb rät Doris Statzer, die zweite geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung, sich eher auf die zweite oder dritte Unternehmensebene zu konzentrieren: "In diesem Bereich ist man geschützter und kann sich sicherer fühlen." Gerade Spezialisten der EDV oder der betrieblichen Bilanzbuchhaltung hätten gute Karten.

Tipps für jüngere Leute

Angehenden Karrieristen gibt Statzer, die auch privat nach der Unternehmensphilosophie "Qualität geht vor Quantität" lebt, folgende Tipps: "Jüngere Leute sollten nicht nur ihre betriebswirtschaftlichen Kenntnisse ausbauen, auf Internationalität bedacht sein, Sprachen lernen, Auslandspraktika absolvieren, sondern vor allem flexibel bleiben, da sich in heutigen Unternehmenssituationen alles ändern kann, ohne dass man es selbst verschuldet hat."

Von älteren Arbeitnehmern wird erwartet, so Statzer, dass sie ihre gewachsenen Überzeugungen, bisherigen Erfahrungen und (Vor-)Urteile immer wieder überdenken und prüfen. "Gerade bei der ,Generation 50 plus' ist es für Personalverantwortliche wichtig, die Neugier auf das, was das Arbeitsleben noch bereithalten mag, zu spüren - nicht zuletzt auch das Interesse für neue Medien", meint Statzer.

Auf Unternehmensseite sollte versucht werden, vermehrt in die Ausbildung von Mitarbeitern zu investieren - nur so könnten Talente auch zielgerecht ans Haus gebunden werden.

"Doch wichtigster Faktor der Mitarbeiterbindung ist und bleibt, eine ,wirklich gute' Führungskraft, die auch in schwierigen Situationen menschlich bleibt und sich für ihre Mitarbeiter einsetzt. Unter diesen Voraussetzungen können Verantwortliche sicherlich mit einer zufriedenen sowie loyalen Belegschaft rechnen", konstatiert Statzer. (Der Standard, Printausgabe, Silvia Stefan)

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