Geheime Sehnsüchte der Manager

5. Juni 2002, 11:32
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Ziele, Grenzen und Risiken in der globalisierten Welt waren vergangene Woche drei Tage lang Thema des 32. ISC-Symposium an der Universität St. Gallen in der Schweiz.

Mehr als 1000 Studierende aus 67 Ländern nahmen heuer am Essay-Wettbewerb "Wings of Excellence" zum Thema der diesjährigen Veranstaltung "Pushing Limits - Questioning Goals" teil. Die Hälfte der 1000 Essays stammte aus Asien, 24 Prozent aus Europa inklusive Osteuropa, elf Prozent aus den USA, der Rest aus Afrika. Eine Expertenjury hatte bei der Auswahl der 250 besten Beiträge ihre Qual. Deren Verfasser hingegen erhielten den Preis für ihre Bemühungen in Form einer Gratisteilnahme am Symposium.

"Grenzen zu verschieben ist immer Ziel menschlichen Strebens gewesen, doch bedeuteten Grenzen auch Halt und Orientierung", konstatierte Adrian Ackeret in seiner Eröffnungsansprache. Allerdings, so der Vertreter der das Symposium organisierenden Studenten, sei der Glaube, der Fortschritt führe immer in die richtige Richtung, erschüttert.

Themen rund um Ethik in der Wirtschaft dominierten das Programm. "Hinter jedem, der auf der Straße protestiert, stehen Tausende von Menschen, die seine Meinung teilen", warnte etwa Vernon J. Ellis, International Chairman des Beratungskonzerns Accenture, vor einer Verharmlosung der Globalisierungskritik. Allzu oft verkomme nämlich das Credo einer verantwortungsvollen Unternehmensführung zum PR-wirksamen Lippenbekenntnis.

Was nur auf den ersten Blick rentabel scheint, denn: "Nebst dem offenen Protest gibt es auch einen hohen Anteil an verstecktem Unmut, den ein Konzern bei Mitarbeitern oder Konsumenten durch sein Verhalten auslösen kann", so Ellis. Um die beim Globalisierungsprozess benachteiligten Regionen zu unterstützen, müssten Konzerne mit ihrer Präsenz in diesen Gebieten verstärkt für lokales Wachstum sorgen.


Schiedsrichter-Kür

Doch da hapert es schnell an fehlenden Idealbedingungen: "Heute spielen Unternehmen nicht selten auf einem Fußballfeld, das sie sofort verlassen, wenn ihnen der Schiedsrichter nicht passt", zeichnete André Leysen, der 75-jährige Ehrenvorsitzende der Agfa-Gevaert-Gruppe, das Bild unserer zeitgenössischen, global tätigen Wirtschaft.

Das Thema "Wissenschaft zwischen Zielen und Grenzen", erörterten der 36-jährige Chef des Genfer Biotech-Unternehmens Serono, Ernesto Bertarelli, und der deutsche Theologe und Unternehmens-Ethiker Augustinus Heinrich Graf Henckel von Donnersmarck. Auch Bertarelli betonte die zunehmende Bedeutung gelebter und kommunizierter Wertehaltung von Unternehmen.

Peter Gomez, Rektor der Universität St. Gallen, referierte zum Thema "Wert und Werte" und forderte eine ganzheitliche Sicht der Unternehmen unter Einbezug der Stakeholder. Und verabsäumte es dabei auch nicht, Kritik an Managergagen in schwindelnden Höhen zu üben: "Das ist falsch verstandene Corporate Governance."

Einig waren sich die Referenten in der Forderung nach einer Kontrollinstanz für weltweit agierende Konzerne.

Politisch Brisantes, wie Terrorismus, aber auch das Potenzial des technischen Fortschritts, wie etwa das Internet insbesondere für kleine Regionen, und persönliche Zielfindung und -erreichung bildeten weitere Schwerpunkte der Veranstaltung.

Wer bislang etwa glaubte, das Silicon Valley werde als Unikum in die Wirtschaftsgeschichte eingehen, wurde von Taku Kajiwara, eines Besseren belehrt: Der Gouverneur der japanischen Provinz Gifu (2,1 Millionen Einwohner) berichtete vom "Sweet Valley", einer "Informationsfabrik" ganz nach dem kalifornischen Vorbild, die derzeit in Gifu aufgebaut wird. Seit dem Jahr 1970 hat sich das von Studenten organisierte Symposium in St. Gallen zu einem Jahresfixpunkt in den Agenda so mancher heimischer und vieler internationaler Topmanager entwickelt. Was die Veranstaltung so attraktiv macht, ist der Gedankenaustausch; die Balance zwischen geistiger Nahrung in Plenar-Referaten, Workshops und Sessions und dem zwanglosen Dialog zwischen den Vertretern unterschiedlichster Generationen und Nationen in den Pausen und an den Abenden. - "Es war eine Wohltat zu hören, dass ich mit meiner Meinung gar nicht so allein dastehe", kommentierte ein Schweizer Pharma-Topmanager das Gehörte. (Der Standard, Prinatausgabe, zug)

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