Geheuchelte Glut, wirkliche Krida

2. Juni 2002, 21:47
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Das beeindruckendste aller Venedig-Imitate stand ab 1895 am Praterstern

Michael Schrott

"Komm in die Gondel,
mein Liebchen, oh steige doch ein,
allzu lang schon war ich traurig so ganz allein."
(Johann Strauß, Eine Nacht in Venedig)


Im Jahr 1883 erhielt Johann Strauß Sohn den Auftrag für die "Nacht in Venedig" vom neuen Berliner Friedrich-Wilhelm-Theater. Die Venedig-Simulation war an der Wende vom 19. zum zwanzigsten Jahrhundert der größte Entertainmentschlager in den industrialisierten Ländern der Welt: Durch einen Canal of Venice konnten sich die Besucher des New Yorker "Coney Island Amusement Center" rudern lassen. In den Hallen der Olympia in London entstand 1890 ein Venice in London, bei dem allerdings die Zuschauer den Akteuren beim Schinakelfahren zusahen: Ein Prospekt stellte den Markusplatz vor, rundum gemalte Kulissen, auf dem Wasser kamen Schauspieler angerudert und entfalteten auf der Piazza den Pomp der Kaufherrenstadt. 1894 eröffnet Venedig in Berlin auf einem künstlich angelegten Seitenarm der Spree in Charlottenburg. Ein kurioser Italo-Antike-Mix mit Colosseum und Triumphbogen aus Pawlatschen, die mit bemalter Leinwand überspannt waren.

Dann aber 1895 Venedig in Wien, der größte Schein- und Traumpark Europas, der sich ausschließlich der Lagunenstadt-Imitation widmete: 50.000 m Fläche auf dem Gelände des ehemaligen Kaisergartens, da, wo heute der Wurstelprater steht, davon 5000 m verbaut, und das nicht mit irgendwelchen billigen Kulissen, sondern gemauerten Häusern, die venezianischen Palazzi teils nachgebaut, teils nachempfunden waren. Darin fanden Geschäfte, Lokale und Veranstaltungssäle Platz - Murano-Glasperlen neben Heidsieck-Champagner und Operettenpremieren. Kanäle von mehr als einem Kilometer Länge, zwischen fünf und 18 Meter breit.

Architekt war Oskar Marmorek (nebenbei: ein engagierter Zionist, berief 1887 gemeinsam mit Theodor Herzl und Max Nordau den ersten Zionistenkongress in Basel ein), die Wassertechnik besorgte Ing. Gustav Bruck, der die Technik im Hochstrahlbrunnen auf dem Schwarzenbergplatz konstruiert hatte. 25 echte Gondolieri samt 25 fast echten Gondeln wurden aus Venedig importiert, die schwarzen Barken waren kürzer als ihre italienischen Originale, Venedig in Wien hatte zu kleine Kurvenradien. Täglich 20.000 bis 30.000 Gäste im ersten Jahr, die Wiener fuhren mit den Ringwagen Ak oder Bk zum Praterstern und betraten gegen 30 Kreuzer Eintritt ihr Venedig. Was brauchte man schon die Südbahn?

Die Wiener Zeitungen berichtete wohlwollend über Venedig in Wien. Kein Wunder: Impresario Gabor Steiner (der Vater des Hollywood-Komponisten Max Steiner) deckte sie reichlich mit Inseraten ein. Er sparte auch an der Ausstattung seines Vergnügungsparks nicht und ging damit innerhalb weniger Jahre mehrmals Pleite. "Wer wäre des stillen Lagunenglücks mit Spülwasser und billigem Parfüm nicht endlich überdrüssig geworden", schrieb Karl Kraus im Juni 1899 in der Fackel, "dieser Sänger, die unter dem Vorwande, dass Neapel so schön sei, unendliches Trinkgeld verlangen, dieses Stammpublicums von Zuhältern und Jobbern, das hier - o bella Napoli! - im Gassenhauertakt seine Sommernächte totschlägt, dieser Athmosphäre von geheuchelter italienischer Glut und wirklich verschuldeter Crida?"

Hinter den imitierten venezianischen Fassaden muss es in der Tat höllisch gemütlich zugegangen sein, folgt man dem offiziellen Venedig-in-Wien-Führer: Der nach dem Ponte Contarini Fasan abzweigende Canale Albrizzi führe unter dem Garten hin, "wo die ,Grinzinger' ihre Weisen ertönen lassen" und der "Rio Malcanton bringt uns wieder an der Münchner Bierhalle vorbei". Nochmals Karl Kraus: "eine neue Bordellcultur". Und der Polizeipräsident Frank von Stejskal: "Endlich hab'n wir an' Ort, wo wir alle Gauner finden werden."

1897 wird als weitere Attraktion das Riesenrad mitten ins wienerische Venedig gestellt. Doch schon 1901 sind den Wienern die venezianischen Bauten offenbar langweilig geworden. Es ensteht die "Internationale Stadt" mit Nachbildungen von Gebäuden aus aller Welt, 1902 die "Blumenstadt", 1903 die "Elektrische Stadt". Der Name Venedig in Wien blieb dafür bis zum Ersten Weltkrieg erhalten.

Die Idee der Vergnügungsparks aber überdauert, heutzutage kombiniert mit Kino-, Theater- und Einkaufszentren, Themenparks mit Hotels an den Stadträndern oder ganzen Städten als Family-Entertainment-City wie Las Vegas, wo die Traumwelt Venice ein neues Zuhause gefunden hat.

Stellt sich nur die Frage: Ist eigentlich dieser mit täglichen Schnellzügen aus Wien über den Bahnhof Santa Lucia erreichbare, der Industrie- und Hafenstadt Mestre in die Lagune vorgelagerte Stadtteil Venezia centro storico "echt"?

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 1.06.2002)



Michael Schrott ist Redakteur von "Diagonal" in Ö1.

Norbert Rubey, Peter Schoenwald, Venedig in Wien. 184 Seiten, Ueberreuter, Wien 1996. (vergriffen)

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