Symphonie einer Großküche

2. Juni 2002, 19:40
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Die Festwochen zeigen "La Cuisine" von Mladen Materic und Peter Handke

Wien - Vor Jahren schrieb Peter Handke ein Theaterstück, dessen Dialoge auf der Bühne stumm blieben - stumm, was die Sprache der Stimmen betraf. Deren Part übernahmen die Körper, denen Handke seinen Text gewidmet hatte. Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten hieß das Stück und war eine poetische Reflexion auf die Flüchtigkeit von Alltagsbegegnungen auf einem öffentlichen Platz.

Was der Platz für die Stadt, ist die Küche für die kleinere Gemeinschaft der Familien, der Paare, WGs ..., Ort des Morgenkaffees, der großen Gespräche, der späten Wanderungen mit nackten Sohlen zum Kühlschrank. Mit La Cuisine, einer Produktion des heute in Toulouse beheimateten, ursprünglich in Sarajewo gegründeten Théâtre Tattoo unter Regisseur Mladen Materic, luden die Wiener Festwochen erneut einen Abend ein, dessen Geschichten die Körper der wunderbaren elf Schauspieler des Ensembles erzählen. - Und die Musik, das Licht und seine Stimmungen von frühester Morgendämmerung bis zu nächtlicher Dunkelheit, die Requisiten, die, wie Stafetten, von Figur zu Figur weitergereicht, die Szenen lose aneinanderbinden.

Basierend auf einer assoziativen Textsammlung Peter Handkes rund um die Küche und auf eigenen Erinnerungen schuf das Ensemble eine leichte, in der Präzision der Beobachtung bewundernswert genaue Szenenfolge, deren Chronologie die Stunden eines Tages bestimmen. Das morgendliche Einheizen früherer Tage, Szenen eines Frühstücks, unterschieden nach Temperament und Lebensalter der Küchenbewohner. Jeder von Materics elf außergewöhnlichen Darstellern versteht es, mit wenigen Bewegungen die Spuren eines Lebens zu skizzieren, in Körperhaltung, Gestik, Tempo. Bisweilen abstrahiert in Momenten des Tanzes, die sich schwerelos in das von feiner Nostalgie getragene, wundersam stimmige Ganze fügen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2. 6. 2002)

Von
Cornelia Niedermeier

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