Im Liebes-Treibhaus auf dem Land

2. Juni 2002, 19:44
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Luc Bondy inszeniert Martin Crump

Richard Reichensperger

Wien - Ist das Landleben schön? Das glauben meist nur Leute, die in der Stadt aufgewachsen sind und, in sozial gehobener Stellung, vom "Landhaus" träumen. Aber schon bei Ibsen und Strindberg wird die Ausgesetztheit von Paaren am Land zum Laboratorium für unterschwellige Gewalt, für Hass, Eifersucht und Entfremdung. Auf dem Land von Martin Crimp, einem der Stars der britischen Gegenwartsdramatik, hat auch damit zu tun. Doch auch noch mit anderem. Und all dies, alle Zwischentöne, Abstürze, Kämpfe und Niederlagen zeigt Luc Bondys bejubelte Züricher Inszenierung, die für drei Tage bei den Festwochen gastiert (bis 1. .6).

Susanne Lothar ist Corinne (40), die mit ihrem Arzt-Ehemann Richard (August Zirner), ebenfalls 40, aufs Land geflohen ist, um ihn oder sich oder überhaupt alles zu heilen. Jetzt sitzt sie vor der Kinderspiellandschaft mit einer großen Schere. Bondy lässt sie damit nicht nur nur nach der Gemütlichkeit (Kindergeburtstage!) schnappen, sondern auch jeden Außenkontakt (Telefonschnur) ihres ziemlich flatterhaften Richard abkappen. Symbolische Kastration schwingt mit, zumal Verletzungen mit der Schere und Blut sich leitmotivisch durch den Abend ziehen.

Und damals, als wir uns noch liebten - jetzt stehen auf der Bühne von Wilfried Minks nur noch die Konserven des Gefühls: Fernseher, B&O-Stereoanlage, Watteflocken (die wohl einmal schwebten, damals). Jetzt ist eine Dritte, wie üblich Jüngere, dazwischen, Rebecca, frech gespielt von der Entdeckung des Abends, von Anna Böger. Sie ist die Projektion von beiden. Für die Ehefrau die auch die Berufskarriere des Mannes bedrohende Rivalin, für den Mann die sexuelle Gegenwelt und Rest aus seiner vermuteten Drogen-Vorwelt:

Anna Böger spielt mit den perfekten Bewegungen einer Turniertänzerin eine Junkie, die mit Vergil-Zitaten über das Landleben ebendieses infrage stellt. Auch dass sie einmal, nach einer Verführungsszene auf den Stufen zum Getreidespeicher, nackt sein muss, hält sie locker aus. August Zirner hingegen windet sich - durch seinen Beruf, seine Beziehungsprobleme, sein abgestorbenes Leben. Er fährt sich durchs Haar, die Wangen entlang, in brutaler Unschlüssigkeit, schrecklich sanft.

Und Corinne? Wie Luc Bondy ein Kammerspiel zaubern kann, zeigt sich auch darin, wie er Susanne Lothar gegen Ende des Abends dezent zweifeln und verzweifeln lässt: Ihr Mann hat ihr zum Geburtstag Schuhe geschenkt, etwas zu auffällige für ihr Alter. Susanne Lothars Mundwinkel zucken leicht. Dann versucht sie, seinetwegen, darin zu gehen. Aber bei beiden geht eben nichts mehr. Bondy versteht das. Ein Triumph.

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 1.06.2002)
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