Putzmuntere Sterbenskranke

16. Juni 2002, 20:03
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Der Erstaufführung von Thomas Bernhards "Elisabeth II." an der Burg fehlt es an Entschiedenheit und Deutungsehrgeiz

Auch die erlesene Schauspielkunst von Gert Voss kann es nicht verhehlen: Der Erstaufführung von Thomas Bernhards "Elisabeth II." an der Burg fehlt es an Entschiedenheit und Deutungsehrgeiz. Regisseur Thomas Langhoff ruft Peymann lieber ein Echo hinterher.

Ronald Pohl

Wien - Thomas Bernhards literarische Abbruchbirnen sind tief in die Vergangenheit zurückgeschwungen: in eine tintenblasse Vorzeit, die doch ein Schritt vorwärts war, hinein in die Zurüstung Österreichs als allseits reformfreudige Industrienation.

Figuren bevölkerten das Welttheater Österreich, die heute keiner mehr kennt. Sie betrieben die zögerliche Modernisierung eines gedankenverlorenen Landes, das seine Öffentlichkeit als Kleinbühne unterhielt, mit öffentlichen Schließtagen, wenn sich die Sozialpartner wieder hinter ihre Polstertüren zurückzogen, mit Pressekonferenzen, die als Hochämter von der Kanzel des Mutwillens herab gehalten wurden, wenn der große Bruno Kreisky mit seinem knurrenden Wunderunterton des guten, sich besorgenden Hausvaters den Reportern das Erlernen der Geschichte anschaffte.

Zitat von gestern

Bernhards Stücke zehren auskömmlich vom Gemenge einer unnachahmlich provinziellen Halböffentlichkeit. Auch Elisabeth II., eigentlich ein wundermildes Präskriptum zum Heldenplatz, zitiert noch einmal den bürgerlichen Haussalon mit seinen viel zu hohen Tapetenwänden, den kuschenden Domestiken und den viel zu schwatzhaften Greisen, die noch auf der Schwundstufe ihres Daseins die bildungsbürgerlichen Normen wie Trumpfasse ausspielen: "Così fan tutte", kräht dann der wohlgemute Großindustrielle Herrenstein (Gert Voss) in seinem Rollstuhl, oder: "Turgenjew!", während er umständlich eine Banane mümmelt, die ihm das Zugehfräulein Zallinger (Libgart Schwarz) auf einem Teller gereicht hat.
Herrensteins Ringwohnung, im Burgtheater ein erbsenpüriertes Verlies mit Schrägblick auf die gegenüberliegende Staatsoper (Bühne: Roland Gassmann), ist eine dieser typischen Bernhard-Zufluchten als Weltstillhaltestellen, ein gefrorenes Gefängnis eines beinlosen Autokraten, der sich von seinem kahlen Diener Richard (Ignaz Kirchner) durch die mikroskopischen Provinzen seines von Staub und Gewöhnung angenagten Königreichs putzmunter schieben lässt.

Ehe wir Herrenstein beim Räsonieren lauschen, erglüht das Portal im goldenen Rahmen: Regisseur Thomas Langhoff hat das Studium des Materialismus immerhin so genau getrieben, dass er Bernhards lebenslange Faszination für die Großherzigen und die Besitzenden, dieses Auflesen der Brosamen von den Mittagstischen der Upper-Klassischen, als nachgedunkeltes Ölgemälde zitiert.
Liegt es am nicht betroffenen Gestus, dass man mit dieser liebenswürdigen Arbeit nicht glücklich wird? Gert Voss hat seine schier unfassbare Kunst sozusagen auf einen einsamen, kaum jemals umwölkten Voralpengipfel getrieben. Er aast und protzt im Rollstuhl mit liederlichem, nie ermüdendem Charme. Das Künstlerhaar zur Sturmfrisur zurückgekämmt, lässt er unter seinem schmutzigen Oberlippenbart ein keckerndes Lachen hören.

Sein Diener Richard (Ignaz Kirchner) gibt als handreichender Gegenspieler sozusagen den säkularen Alpen-Tartuffe. Der wohnt wie ein Fragezeichen im Dienermaßanzug; hintergeht seinen Herren hinter dessen Rücken mit Tango-Kratzfüßen und äffendem Luftgeigenspiel. Langt beim Gemeinschaftsfrühstück eierschälend tüchtig zu, um in den langen Kunstatempausen die Anzüglichkeiten seines Schutzbefohlenen schweigend auszupendeln.

Wir sind naturgemäß bei Hegels Herr-Knecht-Problematik angelangt - und man wird den beiden Stars keinesfalls vorwerfen können, dass sie nicht schon auf die "Sonny Boys" hinzielten: zwei ermüdete Zausel im Kampfliebesspiel. Hochartisten-Sport. Holde Betriebsamkeit.
Denn während Voss noch mit seinen Augengläsern kalkuliert hantiert, zergeht Langhoff das Stück, das vom Besuch der englischen Königin und vom Herunterfallen des Großbürgerbalkons mit Mann, Maus und Magnaten handelt, von der Großbürgerkatastrophe, die naturgemäß lächerlich ist, wie eine blassgraue Dichterhandschrift.

Bernhards Text sperrt sich eigensinnig gegen jeden Versuch, den Peymann-Uraufführungen ein letztes Lebewohl hinterherzurufen. Die Vergangenheit ist tot; man müsste diese Stücke in eine noch unbekannte Zukunft hinausschleudern. Die welke Jungfer mit dem Hüftschmerz (Libgart Schwarz), die hereinplatzenden Karikaturen, lieblos auf die Bühne geräumt wie Statistenkram, der erzgute Herrenstein-Nachbar (Wolfgang Gasser) als Resignationshofrat - es ist dies alles viel zu lind und mau, um wahr zu sein.
Wohl auch deswegen hat das Publikum frenetisch gejubelt.

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 1.06.2002)
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