Reisewarnung für Indien an Amerikaner, Briten und Deutsche

1. Juni 2002, 08:34
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Pakistan begrüßt US-Vermittlung - Vajpayee will Musharraf nicht treffen

Islamabad/Neu-Delhi/Washington/London - Wegen wachsender Kriegsgefahr in der Kaschmir-Krise haben die USA, Großbritannien und Deutschland ihre Bürger zum Verlassen Indiens aufgefordert. Pakistan begrüßte die geplante Vermittlungsmission von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld im Kaschmir-Konflikt. Islamabad hoffe, dass Rumsfeld Indien zu Verhandlungen bewegen könne, sagte ein Sprecher des pakistanischen Außenministeriums am Freitag. Der indische Regierungschef Atal Behari Vajpayee lehnte ein Treffen mit dem pakistanischen Staatschef Pervez Musharraf jedoch ab. Die G-8-Staaten forderten Pakistan auf, "unverzüglich konkrete Maßnahmen" gegen das Eindringen moslemischer Kämpfer in den indischen Teil Kaschmirs zu ergreifen.

Indien solle seine "Streitlust begraben und über Frieden reden", sagte der pakistanische Ministeriumssprecher Aziz Ahmed Khan. Pakistan habe immer wieder Verhandlungsbereitschaft signalisiert. Aziz wies erneut den Vorwurf Indiens zurück, moslemische Unabhängigkeitskämpfer aus Pakistan würden entlang der Kontrolllinie nach Indien eindringen. Vajpayee lehnte laut einem Regierungssprecher ein Treffen mit Musharraf beim Asien-Gipfel ab Montag in Kasachstan ab. Der indische Premier wolle in Almaty jedoch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zusamentreffen. Moskau hatte beiden Ländern seine Vermittlung in der Kaschmir-Krise angeboten. Der indische Außenminister Jaswant Singh schloss ein Dreiertreffen jedoch aus. Im Gegensatz zu Pakistan lehnt Neu-Delhi eine internationale Vermittlung ab.

"Internationale Koalition

Laut US-Präsident George W. Bush soll Rumsfeld Anfang kommender Woche als "Teil einer internationalen Koalition" Gespräche mit beiden Ländern führen. "Besonderen" Druck werde der US-Verteidigungsminister allerdings auf den pakistanischen Staatschef ausüben, damit dieser gegen das Eindringen radikal-islamischer Kämpfer in den indischen Teil Kaschmirs vorgehe. "Wir und auch andere machen ihm klar, dass er zu seinem Wort stehen muss", erklärte Bush.

US-Außenminister Colin Powell warf Musharraf Wortbruch im Kaschmir-Konflikt vor. "Wir bekamen Zusicherungen, dass das Einsickern über die Teilungslinie beendet würde, aber unglücklicherweise können wir immer noch Beweise sehen, dass es weiterging", sagte Powell im US-Sender PBS. Sein Vizeminister Paul Wolfowitz erklärte, ein Krieg in der Region wäre "schrecklich bis katastrophal", nachdem er mit dem indischen Verteidigungsminister George Fernandes konferiert hatte. Eine Eskalation würde auch die schwer erkämpfte Entspannung im Verhältnis beider Staaten zu den USA zunichte machen. Fernandes sagte hingegen, es bestehe kein Anlass zu Besorgnis

Warnung vor Reisen

Bei Gefechten entlang der Kontrolllinie in Kaschmir wurde ein indischer Soldat getötet. Fünf weitere Soldaten und eine Zivilistin wurden verletzt. Die beiden Atommächte Indien und Pakistan haben insgesamt eine Million Soldaten an der Grenze zusammengezogen. An der afghanischen Grenze waren Schätzungen zufolge 6.000 pakistanische Soldaten im Einsatz; ihre Verlegung in die Kaschmir-Konfliktregion wird nicht ausgeschlossen. Um die Kaschmir-Region führten Indien und Pakistan bereits zwei von drei Kriegen gegeneinander. Jammu und Kaschmir ist der einzige mehrheitlich moslemische Unionsstaat im überwiegend hinduistischen Indien. Ein ranghoher indischer Militärangehöriger erklärte am Freitag, Indiens mögliches Szenario für einen Krieg schließe keine Atomwaffen ein.

Angesichts der wachsenden indisch-pakistanischen Spannungen haben die USA, Großbritannien und Deutschland ihre Staatsbürger vor Reisen in und nach Indien gewarnt. Die Bedingungen im Grenzgebiet und in der umstrittenen Region Kaschmir hätten sich verschlechtert, hieß es in einer Erklärung des Außenministeriums in Washington. "Die Spannungen haben ein ernstes Ausmaß erreicht, und das Risiko von verstärkten militärischen Feindseligkeiten zwischen Indien und Pakistan wird nicht ausgeschlossen." Das State Department erteilte dem nicht unbedingt notwendigen Botschaftspersonal und Familienangehörigen die Genehmigung zur Abreise.

Der britische Außenminister Jack Straw sagte, als erstes solle den Familien von britischen Regierungsvertretungen in Indien Gelegenheit gegeben werden, auszureisen. Auch von Reisen in das Land werde abgeraten. Obwohl die Lage im Kaschmir-Konflikt "gefährlich" bleibe, glaube er nicht, dass ein Krieg "unvermeidbar" sei, sagte Straw. Er habe aber eine Fürsorgepflicht für britische Bürger und Angehörige diplomatischer Einrichtungen. In Berlin hieß es, Deutsche sollten alle nicht unaufschiebbare Reisen nach Indien unterlassen. Eine generelle EU-Richtlinie gab es zunächst nicht, Österreich wartete zunächst ab.

In Indien leben schätzungsweise 60.000 amerikanische und 20.000 britische Staatsbürger. Bereits in der Vorwoche hatte die Regierung in London die etwa 700 Briten in Pakistan zum Verlassen des Landes aufgefordert. Damals war die Gefahr von Terroranschlägen offiziell als Grund genannt worden. Deutschland, Frankreich und andere EU-Staaten hatten angekündigt, ihr diplomatisches Personal in Pakistan zu verringern und Angehörige ausreisen zu lassen. Die USA hatten bereits im März nicht notwendiges Botschaftspersonal und Angehörige von Diplomaten in Pakistan zur Abreise "aufgefordert". In den USA ist die "Genehmigung" für Botschaftspersonal zum Verlassen des Landes die unterste Stufe in einer Serie von Maßnahmen, die in Krisenfällen vorgesehen sind. (APA/dpa/AP/Reuters)

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