Enzensberger erhielt Ludwig-Börne-Preis

1. Juni 2002, 17:00
posten

Der für sein Lebenswerk ausgezeichnete gehört zu den Menschen, "die keine Preise nötig haben" und will das Geld weitergeben

Frankfurt - Für sein Lebenswerk hat der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger (72) am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche den Ludwig-Börne-Preis erhalten. Die Auszeichnung ist mit 20.000 Euro dotiert. Die Laudatorin Rachel Salamander, Herausgeberin der "Literarischen Welt", nannte Enzensberger einen "Allround- Künstler", der sich unter anderem als Übersetzer, Kinderbuchautor und Dichter einen Namen gemacht habe. Den Deutschen habe Enzensberger nach dem Krieg "einen Spiegel vorgehalten". Seit den 50er Jahren habe er immer wieder mit "aufreizender Respektlosigkeit" Debatten ausgelöst. Enzensberger sei sich bewusst, "dass man immer Risiken eingeht, wenn man sich zu Gegenwartsproblemen äußert".

In seiner rund 15-minütigen Dankesrede vermied es Enzensberger, auf die derzeitige Antisemitismus-Debatte einzugehen. Auch zum Streit um den unveröffentlichten Roman "Tod eines Kritikers" von Martin Walser wollte sich der Schriftsteller nicht äußern. Wegen "antisemitischer Klischees" hatte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am vergangenen Mittwoch den Vorabdruck des Romans abgelehnt. Marcel Reich-Ranicki war Vorbild für die Roman-Hauptfigur des jüdischen Star-Kritikers namens André Ehrl-König, der vermeintlich einem Mord zum Opfer fällt. Reich-Ranicki, der am Sonntag 82 Jahre alt wurde, las in der Paulskirche Auszüge aus den Werken von Börne und Heinrich Heine.

Zahl der Preis übertrifft die der Autoren

Enzensberger gab in seiner Rede humorige Kommentare ab über Literaturpreise in Deutschland. Die Zahl der Preise übertreffe die der anerkannten Autoren. "Da aber die Zahl der originellen Schriftsteller um eine oder zwei Zehnerpotenzen kleiner geblieben ist, kommt es zu einem kuriosen Effekt, der nur mit der berüchtigten Ämterhäufung in Politik und Wirtschaft zu vergleichen ist", sagte Enzensberger. In den vergangenen Jahren habe er insgesamt 17 Mal auf der Kandidatenliste für Auszeichnungen gestanden. "Und auf die Gefahr hin, Ihnen undankbar zu erscheinen, muss ich feststellen, das ist zu viel." Die meisten Auszeichnungen würden an Menschen vergeben, "die keine Preise nötig haben". Das ihm zugedachte Geld wolle er deshalb an die Berliner Schriftstellerin Gabriele Goettle weitergeben.

Der Börne-Preis ist nach dem 1837 gestorbenen Schriftsteller und Journalisten Ludwig Börne benannt, der als Wegbereiter des politischen Feuilletons angesehen wird. Die Auszeichnung wurde zum neunten Mal vergeben. Die in Frankfurt ansässige Ludwig-Börne- Stiftung würdigt mit dem Preis besondere Leistungen in den Bereichen Essay, Kritik und Reportage. (APA/dpa)

Share if you care.