Jens, Giordano, Kunert und Karasek vermuten Rachegelüste

4. Juni 2002, 11:09
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Suhrkamp will nächste Woche über weiteres Vorgehen entscheiden

Hamburg - Die Kritik an Martin Walsers unveröffentlichtem Roman "Tod eines Kritikers" hat sich am Freitag weiter zugespitzt. Walter Jens, Ralph Giordano, Günter Kunert und Hellmuth Karasek zeigten kein Verständnis für das Werk und vermuteten Rachegelüste als Motiv Walsers gegen den Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Der Suhrkamp Verlag in Frankfurt teilte auf Anfrage mit, dass Anfang nächster Woche über das weitere Vorgehen entschieden werden solle. Ursprünglich wollte der Verlag den Roman Ende August herausbringen, dann gab es Überlegungen das Werk vorzuziehen. Das Berliner Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus hat Suhrkamp aufgefordert, das Werk nicht herauszugeben.

Der Literaturwissenschafter Walter Jens äußerte sich erstaunt über das Verhalten vom Suhrkamp Verlag und von Walser: "Wenn das Buch wirklich antisemitische Töne hat oder so strukturiert ist, wie bisher behauptet wird, und der Hauptheld als Marcel Reich-Ranicki auszumachen ist, dann verstehe ich nicht, wieso Verlag und Autor die Stirn haben können, dieses Buch der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' (FAZ) anzubieten, zu deren Galionsfiguren seit Jahrzehnten Reich-Ranicki gehört", sagte Jens. Das sei "absolut unbegreiflich" und ein erstaunlicher Vorgang. "Das kann man doch einer Zeitung nicht antragen, einen ihrer verdienstvollsten Mitarbeiter im eigenen Blatt an den Pranger zu stellen", meinte Jens.

"Das ist schäbig"

Der Autor Günter Kunert vermutet, dass sich Walser an Reich- Ranicki rächen wollte. "Das ist schäbig", sagte der Schriftsteller dem Radiosender "mdr kultur", und fügte ebenfalls nicht sehr differenzierend hinzu: "Wenn man schreibt und verrissen wird, hat man eben Pech gehabt, aber ein Charakterzug der Deutschen besteht darin, sich unentwegt als Opfer zu fühlen." Walser sehe sich permanent als "Opfer des bösen Juden Reich-Ranicki".

Ähnlich äußerte sich der Schriftsteller Ralph Giordano. Auch ohne das Buchmanuskript zu kennen, frage er sich, ob Walser absichtlich provozieren wollte. "Der Mann ist doch nicht ganz normal, dass er sich wieder einen Juden vornimmt. Das erscheint mir nicht als Zufall", sagte Giordano ebenfalls im Sender mdr kultur. Es sei nicht verboten in Deutschland, Juden zu kritisieren, es komme allerdings darauf an, "wie, mit welcher Motivation". Reich-Ranicki habe Schicksal gespielt und viele Leute vor den Kopf gestoßen, "aber nicht weil er Jude ist, verdammt noch mal, sondern weil Reich-Ranicki so ist wie er ist", sagte Giordano.

Karaseks Wortmeldung

Hellmuth Karasek, Literaturkritiker und Mitherausgeber des "Tagesspiegels", bezeichnete Walsers umstrittenes Buch als zum Teil "verstörendes übles Pamphlet". In einem Beitrag für die Freitagausgabe der in Berlin erscheinenden Zeitung gab er dem Walser-Kritiker Frank Schirrmacher von der FAZ "in einem wesentlichen Punkt völlig Recht". Das Buch, dessen Vorabdruck die FAZ verweigert hatte, sei das "literarische Dokument eines schier übermenschlichen Hasses, der den Autor überwältigt, weil er sich sein Leben lang unter der Fuchtel von Reich-Ranicki sah und scheinbar ohnmächtig mitansehen musste, wie dessen Ruhm durch die verbale Vernichtung Walsers wuchs." Walsers Buch sei "von ungezügelter Mordlust" beherrscht, es handle sich aber doch eher um einen literarischen Selbstmord Walsers. Das Buch sei "thematisch besessen" und "engstirnig". (APA/dpa)

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