Die Ritter der Kirschblüte

10. Mai 2005, 22:24
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Das "Soma Nomaoi", das Samuraifest Ende Juli, gilt als jährlicher Pflichttermin für Tausende Japaner. Eine Reise in Nippons Vergangenheit.

Eine alte Strohmatte, deren besonders schöne, farbig gewobene Umrandung fadenscheinig geworden ist. Ferner ein blinder Maler. Und: ein geschmackvoll gebautes Haus, das einst von interessanten Bäumen umgeben war, aber jetzt, nachdem die Bäume durch Feuer zerstört worden sind, allein steht. All das erinnert die feinsinnige japanische Hofschranze Sei Shonagon, besser bekannt als Autorin des berühmten "Kopfkissenbuches", an die Vergangenheit.

Was rund 800 Jahre später auf derselben Insel Honshu außerdem noch an die Vergangenheit erinnert: zerknitterte Zellophanfolien mit dem krümeligen Rest der Frühstücks-Sushis überm Amaturenbrett. Und der halbleere Tank eines Nissan Sunny, mit dem man am frühen Morgen im Tokyoter Traffic Jam Richtung Fukushima Präfektur aufgebrochen war. Ein Stück Japan wie aus dem Holzschnittbilderbuch flitzt da an den Autofenstern vorbei: dicht bewaldete Berge, traditionelle Gehöfte mit Giebeldächern, ockergelben Wänden und dunklen Fachwerkbalken. Und zuletzt, knapp vor der tosenden Pazifikküste, ein Kaff namens Haramachi. Haramachi ist flach wie die neugierig durch die Scheibe hereinlugenden Gesichter und heißt soviel wie "Stadt am Feld". Auch einen Bahnhof hat dieses Feld. Außerdem drei, vier Hotels und eine pingelig gefegte Hauptstraße, die sich vom Bahnhof weg durch das öde Städtchen zieht: vorbei an Schuhgeschäften, Knaben-College und faden Würfelbauten, vor denen Hobbygärtner ein Leben lang an Koniferen schnipseln.

Nur gut, daß am Ende dieser Avenue ein Pferderennplatz liegt, der ab und zu halb Japan auf Haramachi blicken läßt. Der 24. Juli ist so ein Tag. Das erkennt man allein schon an den mittelalterlich gerüsteten Reitern, die von allen Seiten her aus entfernten Herbergen ins Städtchen ziehen. Hoffnungslos ausgebuchte Hotels und Ryokans sind der Grund für den morgendlichen Spuk. Fast tausend Pferde und Reiter, dazu jede Menge angereister Schildknappen, Standartenträger und Zaungäste wollen schließlich erst einmal untergebracht werden, wenn Haramachi zum "Soma Nomaoi" bläst, zum Fest der Samurai. Für viele Nachfahren der über ganz Japan verstreuten Samuraifamilien bedeutet dies einen Pflichttermin. Oder zumindest große, große Ritterehrensache.

Und diese Tugend wird seit dem elften Jahrhundert recht ernst genommen. Damals übertrug man nämlich dem im Umgang mit Räuberbanden kampferprobten Provinzadel allmählich die Sicherung des verweichlichten Kyotoer Kaiserhauses. Knapp 500.000 Familien wurden dieser Adelsklasse einst zugerechnet, und mitunter erinnert die Ausbildung japanischer Ritter an Europas Minnesänger: Poetik, Kalligraphie und Musik beschäftigte in Friedenszeiten die Samurai. Kein Wunder, daß neben ungezählten Leichen und ehrenvollen Seppuku-Selbstmorden auch romantische Anekdoten deren Wege pflasterten. Und so strenge Worte wie jene des großen Herrschers Tokugawa Jyeyasu: "Das Schwert ist die Seele des Samurai."Die Ahnen der in Haramachi auftauchenden Freizeit-Ritter haben jedenfalls aufgepaßt auf ihre Schwerter und das gute Familienbesteck brav weiter vererbt. Anders könnte man sich zur Parade denn auch nicht blicken lassen.

Lässig stecken die einschneidigen Tachi-Schwerter in den schlichten, schwarzen Lackscheiden, rauhe Rochenhaut und Seidenschnur umwickeln den Griff der feinen Klingen. Leichter als Europas ritterliche Konservenbüchsen wiegen die darunter geschichteten, spektakulären Rüstungen, wobei die filigrane Welt der Insekten bei der harten Schale des Samurai unübersehbar Pate steht: Vielgliedrig rasseln die Lamellen, Platten und Schienen der Hobby-Ritter am Straßenrand. Lederne Beinschienen mit starken Eisenbändern werden angeschnallt, und rasch abnehmbare Oberschenkelpanzer lassen die Teilnehmer gut geschützt im Sattel sitzen und trotzdem wieselflink zur Toilette laufen. Oder zum Schlachtfeld. Mühelos kann die gesamte Panzerung hinterher im smarten Aktenkoffer verstaut werden. Doch das hat noch etwas Zeit. Brave Viererreihen und langsame Gangart, so lautet das Kommando, unter dem sich der Troß auf den Reitplatz am Stadtende zuwälzt. Auch ein reich geschnitzter Shinto-Schrein wird von Tempeldienern mitgerollt, hoch zu Roß folgen unterm Schatten roter Papierschirme Vertreter des Hofadels hinterher. Wenig später signalisieren Meeresschnecken-Fanfaren den Beginn atemberaubender Rennen, doch das ist erst ein Vorgeschmack aufs eigentliche Hauptereignis: die Jagd nach dem Tempelbanner.

Per Granatwerfer ballern Serviceleute dazu kleine Fähnchen in die Luft und bescheren dem Publikum tumultöse Szenen à la Akira Kurosawas Filmepos "Ran": Ein dichter Bannerwald hat sich am Kampffeld gebildet. In grellen Farben und abstrusen Zeichen wehen die Wappenbilder der einzelnen Familien über den Köpfen der Samurai und ergänzen damit die heraldischen Mon-Stoffmuster auf Hosen, Jacken, Hemden. Dicht an dicht reiben sich Regenwurm, Adler und die achtblättrige Chrysanthemenblüte. Hiebe und wildes Gebrüll begleiten kurz darauf die Kämpfe ums mehrmals herabsegelnde Stofftüchlein. Vom Winde launisch hin- und hergeweht fällt es mitten in die herangepreßte Reiterhorde. Der Boden donnert unter den vielen Hufen, nicht ungefährlich stürzen im Handgemenge weniger Sattelfeste vor die Hufe. Die schäumenden Mäuler der Rösser lassen bereits Schlimmes ahnen.

Doch Gipsverband, Krankenstand und vor allem beschämende Telefonate mit dem Chef im Büro sind heuer keine nötig. Ein Nachspiel gibt es trotzdem zum Fest der Samurai. Und zwar ganz im Stile der gralsritterlichen Lebensweise: Am Gelände des benachbarten Odaka-Schreins findet am nächsten Morgen die heilige Nummer "Wildpferdefangen mit bloßen Händen" statt. Weißgewandet versammeln sich die Pferdefänger vor dem Shinto-Priester des rotlackierten Tempels, und am schneidigsten glänzt dabei der alten Koske aus Sendai. Unauffällig pirscht er sich an die Rösser heran, springt ihnen seitlich an die Mähne, krallt sich daran fest und zwingt sie Richtung Tempel hin. Der Samurai hat Mumm, keine Frage, und verdächtig zahm fressen ihm kurz später die Hengste geweihte Grasbüschel und Zuckerstückchen aus der Hand. Spontane Freundschaft? I wo. Schließlich kennt man sich vom Vorjahr, mault dazu ein bitterböser schwarzer Ritter im Hintergrund. (Der Standard, Printausgabe, Robert Haidinger)

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