Gefährliche Urlaubsandenken aus der Türkei

5. Juni 2002, 11:52
1 Posting

Die Versuchung ist groß, aber das Risiko auch. So mancher Türkei-Urlauber steckt beim Besuch einer antiken Stätte an Ägäis oder Mittelmeer einen kleinen Marmorstein ein, um ihn als Andenken mit nach Hause zu nehmen.

Es liegen ja genug davon herum, könnte man denken: Das Gras wuchert über Mauerreste und Säulenstümpfe, viele Ausgrabungsstätten wirken etwas verwahrlost und sind noch nicht einmal mit einem Zaun gesichert. Doch der türkische Staat wacht eifersüchtig und sehr genau über das antike Erbe des Landes. Der Anwalt Ülkü Caner in der westtürkischen Großstadt Izmir betreut alleine jährlich rund ein Dutzend Türkei-Urlauber aus Österreich und anderen westeuropäischen Staaten, die vor Gericht gestellt werden, weil sie ein antikes Mitbringsel im Reisegepäck hatten. Ihnen drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Caner, Vertrauensanwalt der diplomatischen Vertretungen Österreichs, Deutschlands und der Schweiz, rät den Urlaubern dringend, die Finger von den antiken Souvernirs zu lassen: "Die Röntengeräte an den Flughafen können die Sachen erkennen", sagt er. Die meisten Urlauber sind völlig überrascht, wenn sie von der Flughafen-Polizei abgeführt werden - schließlich haben sie sich nichts dabei gedacht, als sie ihr Andenken einsteckten. Nur einige wenige können sich wohl denken, worum es geht, wenn die Beamten zugreifen: Caner berichtet von einem kürzlichen Fall, in dem ein Tourist ein 25 Kilogramm schweres Säulenteil im Gepäck hatte.

Versuchter Antiquitätenschmuggel

Die türkische Justiz geht in solchen Fällen von versuchtem Antiquitätenschmuggel aus. Laut Caner wurde erst vor kurzem eine Österreicherin aus der Haft entlassen. Der Anwalt rät den Urlaubern auch vom Kauf antiker Souvenirs aus Stein oder von Münzen ab. "Es kann sein, dass diese Dinge innerhalb der Türkei legal verkauft, aber nicht ausgeführt werden dürfen", sagt Caner.

Wie es den Antiquitäten-Schmugglern nach ihrer Festnahme ergeht, hängt sehr von den zuständigen Staatsanwälten und Richtern ab. Einige Urlauber dürfen die Heimreise antreten, während in ihrer Abwesenheit das Verfahren weiterläuft. Andere müssen zumindest bis zur Freilassung auf Kaution beim ersten Verhandlungstag in Untersuchungshaft bleiben, was vier bis acht Wochen dauern kann und angesichts der Haftbedingungen in türkischen Gefängnissen kein erstrebenswertes Erlebnis ist. In beiden Fällen ist es möglich, dass die Urlauber nach der Heimreise in Abwesenheit verurteilt werden und dass ihnen bei der Wiedereinreise in die Türkei die Verhaftung droht.

Warum die türkischen Behörden jedem kleinen Stein nachjagen, erklären die Erfahrungen der Vergangenheit. Die Türkei ist Erbin einer kaum überschaubaren Menge von teilweise Jahrtausende alten Kulturgütern aus griechischer, römischer und osmanischer Zeit. Insbesondere in den Touristengebieten an der Ägäis und im Süden des Landes stolpert der Besucher geradezu über antike Häfen, Amphitheater, Gräber und die Reste alter Städte. Doch viele Kunstschätze sind heute nicht mehr in der Türkei - sie wurden von Europäern fortgeschafft, wie der von Heinrich Schliemann aus Troja entführte "Schatz des Priamos" oder der Pergamon-Altar, der heute in Berlin steht. Der Schutz des kulturellen Erbes ist deshalb für die Türkei sehr wichtig - auch wenn es sich oft "nur" um kleine Steine handelt.(APA/red)

Share if you care.