Der Norden ergrünt

30. Mai 2002, 22:16
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Computermodell bestätigt Satelliten-Beobachtungen - Pflanzenwachstum und Vegetationszeiten ändern sich

Potsdam/Washington - Die Erwärmung der Atmosphäre führt dazu, dass es im hohen Norden der Erde immer grüner wird. Das hat ein internationales Forscherteam unter Federführung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) mit Hilfe eines Computermodells nachgewiesen. Die im US-Fachjournal "Science" vom Freitag veröffentlichte Untersuchung verglich die Daten aus einem Computermodell mit Satellitendaten, die seit Anfang der 80er Jahre gewonnen wurden.

Den Satellitendaten zufolge beginnt das Pflanzenwachstum in Kanada, dem nördlichen Eurasien und in Sibirien immer früher im Jahr, und die Vegetationszeit verlängert sich. Über die Gründe dafür konnten bisher aber nur Vermutungen angestellt werden.

Faktorenausschluss und Lückenschluss

"Die Frage war, ob man den von den Satelliten gesammelten Daten trauen kann, oder ob der beobachtete Trend nicht durch andere Faktoren wie die Änderung der Umlaufbahnen der Satelliten zu Stande gekommen war", sagte der Potsdamer Klimaforscher Wolfgang Lucht am Donnerstag. "Das Computermodell hat jetzt den Lückenschluss in der Argumentation gebracht." Denn es scheine zwar plausibel, dass mehr Wärme auch längere Vegetation bringe, es gebe aber Pflanzen, die dann sogar später grün würden.

Das Computermodell der Biosphäre simulierte das Wachstum der Pflanzen in den nördlichen Breiten als Folge des Klimas. Dazu wurden einzelne Prozesse der Pflanzenentwicklung wie Photosynthese, Wasserhaushalt, Wachstum und jahreszeitliche Entwicklung berechnet. Die Schwankungen der Vegetationsdichte, die sich im Modell als Folge von Klimaschwankungen ergeben, stimmen laut PIK mit den Satellitenbeobachtungen genau überein. Deshalb könne kein Zweifel mehr daran bestehen, dass es im Norden zunehmend grüner werde, seit dort von 1982 bis 1998 die Temperaturen um 0,8 Grad stiegen. Werde dagegen mit einer konstanten Temperatur gerechnet, ließen sich die Phänomene nicht mehr erklären.

Der große Rahmen

Für die Bewertung des globalen Klimawandels und seiner Folgen seien solche Ergebnisse wichtig, denn die nördlichen Breiten machten fast ein Viertel der globalen Erdoberfläche aus, hieß es in der Mitteilung des Potsdam-Instituts. Ihre Vegetation werde während der langen Winter und der kurzen Sommer durch niedrige Temperaturen bestimmt. Deshalb reagiere dieser Teil der Erde auf Veränderungen des Klimas besonders schnell.

Abschließend darf auch nicht vergessen werden, dass es sich bei den Vegetationsverschiebungen keineswegs um ein Nullsummenspiel handelt: auch wenn manche Regionen von einer Klimaerwärmung profitieren, ändert dies nichts daran, dass andere - etwa durch Wüstenausbreitung, Dürren oder Wirbelstürme - massiven Schaden erleiden. Da die nördlichen Nutznießer des Klimawandels (im internationalen Vergleich eher wohlhabende Länder) bislang zumindest keine Anstalten machen, für die Opfer des Wandels (hier handelt es sich makabrerweise um zumeist deutlich ärmere Länder) zu sorgen, kann also auch auf der globalen Ebene kaum von "Nutzen" oder "Profit" durch die Klimaerwärmung gesprochen werden. (APA/red)

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    foto: nasa
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