"Auschwitz als Parodie"

6. Juni 2002, 10:20
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Der Schriftsteller Martin Walser ist sicher ein anderes Kaliber als Jürgen Möllemann, der sich den Titel des "modernen Antisemiten" ( Henryk M. Broder) in den vergangenen Wochen mehr als unredlich verdient hat.

Beim FDP-Spitzenpolitiker mit seinen Angriffen auf den Vizepräsidenten des Zentralrats deutscher Juden ("Der unerträgliche, aggressiv-arrogante Umgang von Herrn Friedman ist leider geeignet, ... antisemitische Ressentiments zu wecken") fragt man sich ja, was schlimmer ist: sein zynisches Kalkül, Stimmenzuwachs um wirklich jeden Preis zu erzielen, oder seine dumme Uneinsichtigkeit. Möllemanns Entschuldigung, er hätte "das so nicht sagen sollen", lässt tief blicken. Mit seiner Erklärung, er sei wegen Michael Friedmann "zornig gewesen" und "aus der Haut gefahren", meinte wohl, dass er sein Innerstes nach außen gekehrt hat. Wie so etwas abläuft, weiß man nur zu gut von Jörg Haider: Dessen "Ariel"-Attacke auf den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, kam wohl auch von innen.

Dieser tiefe, an die Wurzel gehende Zorn scheint nun aber ebenso beim jüngsten Roman Walsers im Spiel zu sein, der zum nächsten Eklat um offenen und versteckten Antisemitismus in Deutschland geführt hat. Der Autor weist diese vom F.A.Z.- Herausgeber Frank Schirrmacher losgetretenen Vorwürfe ("unheimliche, unübersehbare Signale") empört zurück: Er sei doch "nicht wahnsinnig". Sein neuester Roman kritisiere und parodiere den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, habe mit dessen Biografie als Holocaust-Überlebender nichts zu tun. Mag sein, dass Walser, der deutsche Nationalist, der seine Ruhe haben möchte, das für sich so trennen kann. Eine wichtige Frage bleibt: Taugt Auschwitz zur Parodie?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 5. 2002)

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