Der Dichter im Minenfeld der Gedenkpolitik: Martin Walser

4. Juni 2002, 11:10
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Dass Großautor Martin Walser von Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der konservativen F.A.Z., aufgrund eines noch nicht zugänglichen Buches Antisemitismus vorgeworfen wird, scheint bei einem ersten Blick auf Walsers Leben absurd. Auf den zweiten aber auch verlockend.

Zum ersten Punkt: Der 1927 im niederbayrischen Wasserburg am Inn geborene Martin Walser gehörte zu den wenigen aus seiner Generation, denen der Antisemitismus nicht an der Wiege gesungen wurde. Seine Eltern, Gastwirte, waren immun gegen das Neuheidentum der Nazi-Ideologie. Zugleich war der kleine Ort aber auch scheinbar politikabstinent, Auschwitz kam nicht vor (so Walser in Die Verteidigung der Kindheit 1991, aus der Romanperspektive eines Sechsjährigen).

In den letzten Kriegsjahren Flakhelfer, studierte Martin Walser nach 1945 Germanistik und promovierte - wie sein Verleger Siegfried Unseld - beim großen Hölderlin-Herausgeber Friedrich Beissner in Tübingen 1951 mit einer Arbeit über Kafkas Prosa, heute noch Standardwerk: Beschreibung einer Form. Den ersten seiner immer größeren Publikumserfolge landete der Schriftsteller mit seiner Anselm-Kristlein-Trilogie (Halbzeit, 1960; Einhorn, 1966; Der Sturz, 1973). Sein Thema: der deutsche Mittelstand, zwischen Versicherungsvertretern, Lehrerehepaaren (Das fliehende Pferd, 1978). Dieser Mittelstand ist in Walsers Werk erstaunlich, doch wohl auch realistisch, "politikfern".

Erstaunlich ist dies deshalb, weil Walser selbst von Beginn an politisch sehr engagiert war (um 1960 Wahlhelfer der SPD, um 1968 in DKP-Nähe) und es, bis hin zu den letzten Skandalen, geblieben ist (seine Friedenspreis-Rede 1998 und der jüngste Auftritt mit Kanzler Schröder in Berlin): "Ich werde andauernd Zeuge des moralisch-politischen Auftritts dieses oder jenes schätzenswerten Intellektuellen", sagte Walser 1998 in seiner befehdeten Friedenspreis-Rede und plädierte für eine nicht auf simple Aussagen reduzierte, komplexere Literatur.

Doch lieferte er in seiner Rede selbst gleich ein Exempel für undifferenziertes Sprechen, als er sich dagegen wandte, die klare deutsche Schuld, konzentriert im Wort "Auschwitz", inflationär als "Moralkeule" einzusetzen. Walser, der um 1960 als Beobachter an den Frankfurter Auschwitz-Prozessen teilgenommen hatte, löste 1998 eine Debatte aus, die ihn in das schiefe Licht eines Revisionisten rückte. Ist er es?

Den Vater von fünf Töchtern wird in den nächsten Wochen wohl noch vieles heftig aufstören. Er hat in seinem Roman, so viel bisher davon zu sehen ist, den Großkritiker Reich-Ranicki seiner brutalen Kritikmethoden halber attackiert - und, wie er sagt, nicht als Juden: Fällt nun die Antisemitismus-"Moralkeule" wieder auf Walser zurück?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 5. 2002)

Von
Richard Reichensperger

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