Das Überleben als "Charakterfrage"

4. Juni 2002, 11:07
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Die Vorwürfe von Frank Schirrmacher in der "F.A.Z." im Wortlaut

Frankfurt/Main - In einem offenen Brief, überschrieben mit dem Romantitel "Tod eines Kritikers", weist F.A.Z.-Herausgeber Frank Schirrmacher in der Ausgabe vom 29. Mai das Ansinnen von sich, Martin Walsers neuen Roman in Fortsetzungen abzudrucken: "Ihr Roman ist eine Exekution", argumentiert Schirrmacher: "Eine Abrechnung - lassen wir das Versteckspiel mit den fiktiven Namen gleich von Anfang beiseite! - mit Marcel Reich-Ranicki."

"Ihr Buch ist nichts anderes als eine Mordphantasie. Dass der Mord keiner ist, macht die wonnevolle Spekulation unangreifbar ..." - "Wie kamen Sie auf die Idee, Ihren Verdächtigen" - gemeint ist der angebliche Mörder des Kritikers André Ehrl-König - "dadurch besonders verdächtig zu machen, dass der in höchster Wut dem Starkritiker in Hitler-Sprache droht, ,ab 0.00 Uhr wird zurückgeschlagen' . . ."
"Mord, Mordkommission, das alles spielt hier immer mit der Erinnerung an den Massenmord der Nazis. Doch der Kritiker ist nicht tot. Seine Frau, die kettenrauchend, kaum Deutsch, sondern Französisch sprechend, unter ihm leidet, weiß es die ganze Zeit. Warum? Sie sagt . . .: ,Umgebracht zu werden passt doch nicht zu André Ehrl-König.' Es ist dieser Satz, der mich vollends sprachlos macht." Walser mache so die Frage nach Getötetwerden oder Überleben zu einer "Charaktereigenschaft - ungeheuerlich".
In einer Entgegnung gegenüber der dpa wirft nun Walser seinerseits Schirrmacher "den Bruch jeder Regel und Willkür" vor: Sein Buch wende sich gegen Machtausübung im Literaturbetrieb, "und was passiert: Machtausübung im Literaturbetrieb". Rechtliche Schritte ließ sich der Autor offen; Schirrmacher habe jedenfalls "das literarische Klima in dieser Republik für einige Zeit verdorben". (cia, poh)

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