Suhrkamp Verlag geht in die Offensive

4. Juni 2002, 11:06
5 Postings

"Walser sei nicht der Möllemann der deutschen Literatur" - Verlag gibt unfertiges Manuskript an Medien weiter

Frankfurt/Main - In der Auseinandersetzung um den noch unveröffentlichten neuen Roman "Tod eines Kritikers" von Martin Walser geht der Suhrkamp Verlag in die Offensive. Nachdem die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) am Mittwoch einen Vorabdruck wegen "antisemitischer Klischees" abgelehnt hat, gibt der Verlag das Manuskript an interessierte Medien heraus. Es gehe darum, den Journalisten den "gleichen Informationsstand zu ermöglichen, damit sie wissen, worüber sie sich erregen", sagte die Verlagssprecherin Heide Grasnick am Donnerstag in Frankfurt. Es seien bereits weit über 100 Anfragen eingegangen.

Die Sprecherin betonte, dass es sich nicht um die definitive Druckvorlage handele, also noch nicht um die Fahnen. An dem Manuskript werde noch gearbeitet. Der FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, der den Roman am Mittwoch in einem offenen Brief als "Dokument des Hasses" und eine "Mordphantasie" bezeichnet hatte, habe auch dieses Manuskript erhalten.

Das ist nach Angaben der Sprecherin der übliche Weg, um Medien Gelegenheit zu geben, über einen Vorabdruck zu entscheiden. Mit dem Versenden des Manuskripts wolle man gleichermaßen eine Beschädigung des Autors wie des Verlags abwehren. Die Sprecherin nannte die Diskussion einen "erschreckenden Vorgang".

In der Tageszeitung "Die Welt" (Donnerstagausgabe) sagt Suhrkamp-Verlagsleiter Günter Berg Walsers Roman sei zwar zum gegenwärtigen Zeitpunkt "nicht zitierfähig", durch die jetzigen Zitate in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sei das Buch aber "in einem Zustand in der Welt, in dem wir es nie in der Welt haben wollten." Der Verlag werde versuchen, das Erscheinen des Buches von August auf Juni vorzuziehen, wolle "aber dem Drängen des Autors, es jetzt sofort zu publizieren, einen Moment widerstehen", sagte Berg. Der Verlag müsse den Eindruck vermeiden, "dass das Ganze eine zynische Marketingaktion war".

"Walser sei nicht der Möllemann der deutschen Literatur"

Mit den Worten "Martin Walser ist nicht der Möllemann der deutschen Literatur" wies Berg die gegen Walser gerichteten Attacken zurück. In diese Rolle könne ihn auch nicht der F.A.Z.-Herausgeber Frank Schirrmacher drängen. Es habe im Suhrkamp Verlag wie bei jedem Manuskript auch in diesem Fall Diskussionen gegeben. "Den Generalbass Antisemitismus hat es aber dabei nicht gegeben", sagte Berg. Im übrigen sei man ein Verlag und keine Zensurbehörde. (APA/dpa)

Share if you care.