"Die Krone mischt auf hinterhältige Art in der Politik mit"

9. Juni 2002, 17:57
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Dichand sei "ein echter Populist", so die Filmemacherin Borgers

Am Donnerstag (30. Mai 2002) strahlte das belgischeFernsehen RTBF 2 eine knapp einstündige Dokumentation über die österreichische "Kronen Zeitung", mit dem Titel "Österreich zwischen den Zeilen", aus. Die Belgierin Nathalie Borgers,die den Beitrag nach einjähriger Recherche und Dreharbeit gestaltethat, hat sich bemüht, vor allem Mitarbeiter zu Wort kommen zu lassenund die Zeitung "von innen" darzustellen. Sie sieht in dem österreichischen Blatt "Nicht einfach eineZeitung". Mit Ombudsman, Tierecke, Horoskop und ähnlichen Rubrikensei die Krone "ein Teil der Familie", sagt Borgers. Familienmitglieder kritisiere man nicht. Daher sei es auch praktisch unmöglich gewesen, in Österreich einen aktiven Politiker zufinden, der sich traut, die Krone zu kritisieren.

"Ein echter Populist"

"Die Krone mischt auf hinterhältige Art in der Politik mit", meint Borgers. Ein Großteil der Beiträge sei sachlich, auf ersten Blick seies eine sehr menschliche Zeitung. Die dadurch gewonnene Macht setzesie dann aber in einzelnen Artikeln, insbesondere zum ThemaAusländer, manipulativ ein. "Krone"-Chef Hans Dichand ist für Borgers"ein echter Populist", der vor allem den Leuten gefallen und Lesergewinnen wolle. Das gehe ihm über alle ethischen Standards.

Ein "scharfer Ordnungsruf"

"Unabhängigkeit" sei das höchste Gut der Zeitung, betont Dichand. Kritiker monieren häufig, dass die "Krone" und ihr Chef die österreichische Politik vor sich her trieben und die Politiker am Gängelband der "Krone" hingen. Außenpolitik-Chef Kurt Seinitz drückt das im Film anders aus: "Gelegentlich müssen wir einen scharfen Ordnungsruf erteilen." Sollte ein Redakteur einmal nicht einer Meinung mit Hans Dichand sein, werde "redaktionelle Solidarität" erwartet, so Seinitz weiter: Der Betreffende werde sich mit seiner Meinung "zurückhalten".Der bekannt öffentlichkeitsscheue "Krone"-Hausdichter Wolf Martin ("In den Wind gereimt") öffnete sogar seine Privatwohnung für das Kamerateam und gewährte einen Blick auf seine Büchersammlung von Goethe bis zu Hitlers gesammelten Reden. Der Publizist und FPÖ-Berater Andreas Mölzer ("Zur Zeit") zeigt sich wiederum im Gespräch mit Borgers überzeugt, dass Jörg Haiders Aufstieg "untrennbar mit der 'Kronen Zeitung' verbunden ist".

"Wir haben schon andere Sachen überlebt"

Die Dokumentation baut auf längeren Interviews mit Dichand undMitarbeitern der "Kronen Zeitung" sowie mit anderen Persönlichkeiten,von Bischof Kurt Krenn bis zu Bundespräsident Thomas Klestil, auf.Als Kritiker kommen der frühere ÖVP-Obmann Erhard Busek und diefrühere Liberalen-Chefin Heide Schmidt zu Wort. Beide seien als Opfervon Kampagnen der "Krone" ausgewählt worden, ihre Erfahrungen zuschildern, so Borgers. Als Dichand das Endprodukt sah, habe er lediglich gemeint: "Wirhaben schon andere Sachen überlebt", erinnert sich Borgers."Krone"-Chefredakteur Biro habe kommentiert "unsere Feinde werdensich freuen". Während der Arbeit habe sie, Borgers, aber aufAnweisung Dichands vollen Zugang zu den Mitarbeitern der "Krone"gehabt. Sie könne nur vermuten, dass das Interesse einesausländischen Mediums Dichand zu so viel Offenheit veranlasst habe.

Austrahlung auf RTBF, Premiere, Arte - ORF-Ausstrahlung wird noch geprüft

Das Projekt hat ein Budget von 2,5 bis 3 Mill. S. Förderungenkamen zu je einem Drittel aus Österreich - vom Filmfonds Wien und vomBund -, Belgien und Frankreich. Das französischsprachige belgischeFernsehen RTBF strahlt das Programm auf den beiden Sendern in dennächsten Wochen sechs Mal aus, dann kommt es am 7. Juni auf Premiereund vermutlich Ende Oktober in Arte. Die Möglichkeiten über den ORFauszustrahlen, werden noch geprüft. Der RTBF habe die Ausstrahlungvom Herbst kurzfristig auf jetzt vorgezogen, weil das Thema durchden Aufstieg der Rechtspopulisten wie etwa Le Pen in Frankreichjetzt sehr aktuell sei, sagt Borchers. (APA)

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