von Clarissa Stadler
Die "Dame mit dem Hermelin"

6. Juni 2002, 12:11
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Die Reise verläuft harmonisch. Das zusammengewürfelte Häuflein von Kunsthistorikern schiebt sich von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, ein kleiner Pulk, in Turnschuhen, Gore-Tex-Jacken und mit einer Mappe der wichtigsten Daten unter dem Arm. Man hat die 160 Kirchen der Stadt gerne zusammengefasst.

Der Mann mit dem Hyänenlachen hat bereits am zweiten Tag der Reise die Rolle des Alpha-Tieres übernommen. Mit den Frauen hat er leichtes Spiel. Die "Dame mit dem Hermelin" (ein kleiner Scherz unter Kunsthistorikern, die Frau sieht dem berühmten Porträt verdammt ähnlich) hängt andächtig an seinen Lippen, die anderen Frauen lechzen nach seinen Witzen und applaudieren dankbar. Die restlichen Mitreisenden, müde Männer jenseits der 70, folgen dem Tross in dumpfer Apathie und sind froh, dass sie sich nicht um Konversation bemühen müssen.

Es ist der siebte Tag der Reise. Die Museen beginnen zu einem namenlosen Brei zu verschwimmen. Bei brütender Hitze scharen sich die siebzehn Kunsthistoriker um die Reiseführerin. Eine Einheimische, die der deutschen Sprache nicht ganz mächtig ist. Die Frau macht einen müden Eindruck. Sie hat die Geschichte von der Gründung der Stadt im 13. Jahrhundert in ihrem Leben fünfhundertmal heruntergebetet. Es ist sehr heiß. Die Stimme leiert im monotonen Singsang und bleibt zwischen den deutschen Vokabeln in immer längeren Pausen auf einer unnatürlichen Höhe hängen. Auch dem Mann mit dem Hyänenlachen ist heiß. Seit zwei Stunden ist er zum Zuhören verdammt. Eine Rolle, die er hasst. Er weiß nicht, wie es dazu kommt, dass er der Reiseführerin das Mikrofon aus der Hand reißt. Er will sich auch nicht an die Dinge erinnern, die er dann sagt. Aber den Gesichtsausdruck der "Dame mit dem Hermelin" wird er nicht vergessen.

derStandard/rondo/31/5/02

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