Mónika Lamperth: Frau Minister räumt auf in Budapest

28. Mai 2002, 18:54
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Die erste Tat war eine Amtsenthebung. An ihrem ersten Arbeitstag im Innenministerium entließ die neu ernannte Ressortchefin Mónika Lamperth per Dekret Landespolizeichef Péter Orbán. Dieser - kein Verwandter des abgewählten konservativen Ministerpräsidenten Viktor Orbán - war allzu eng mit Lamperths Vorgänger Sándor Pintér verbunden.

Die 44-jährige sozialistische Politikerin, die verheiratet ist und zwei Kinder hat, ist die erste Frau an der Spitze des ungarischen Innenministeriums. Es ist ein "Hyperministerium" - unter seine Kompetenzen fallen nicht nur Polizei, Grenzwache und Katastrophenschutz, sondern auch die öffentliche Verwaltung und die Gemeinden. An der Schwelle zum EU-Beitritt hat Ungarn gerade auf diesen Gebieten noch enorme Aufgaben zu bewältigen.

Lamperth will dem Ressort deshalb vor allem den Geruch des "Polizeiministeriums" nehmen, der ihm unter Vorgänger Pintér anhaftete. Der Polizeigeneral a. D. hat sei- ne steile Karriere noch in kommunistischen Zeiten begründet - warum ausgerechnet er das Vertrauen des sonst in antikommunistischer Rhetorik schwelgenden Viktor Orbán genossen hat, bleibt ein Rätsel.

Die in Bácsbokod, Südungarn, geborene Lamperth hat Universitätsabschlüsse in Jus und Politologie. Als Politikerin beschäftigte sie sich immer wieder mit der Problematik der öffentlichen Verwaltung im Land. Seit 1994 ist sie Parlamentsabgeordnete, seit 1998 Mitglied des Präsidiums der Ungarischen Sozialistischen Partei (MSZP). Zuletzt arbeitete sie auch als Vizevorsitzende des Innenausschusses des Parlaments. Sie repräsentiert die unter dem MSZP-Vorsitzenden László Kovács herangewachsene Politikergeneration der MSZP und gilt als fleißig und resolut. Als Abgeordnete war sie stets unter den aktivsten Volksvertretern. Bei den Parlamentswahlen im April schlug sie als Direktkandidatin ihrer Heimatstadt Kaposvár in Südungarn den lokalen Bürgermeister Károly Szita, obwohl dieser als Grande in Orbáns Jungdemokraten-Bund (Fidesz) der Stadt ungeheure Geldflüsse zu bescheren vermochte.

Bei ihrer Amtsübernahme am Montag kündigte sie an, die Verwaltung auf die EU-Anforderungen trimmen zu wollen. "Meine Philosophie ist Dezentralisierung", sagte sie. Die Geldzuteilung an die Kom- munen, die unter der Fidesz-Herrschaft zum Instrument der politischen Loyalitätsremunerierung degenerierte, soll wieder entpolitisiert werden. Die Hoffnungsträgerin der Sozialisten hat sich viel vorgenommen. Auf die Frage, wie sie das traditionelle "Män- nerressort" lenken wolle, antwortete Lamperth ganz selbstbewusst: "Das ist eine Sachaufgabe, wo es völlig egal ist, ob der Minister ein Mann oder eine Frau ist." (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 29.5.2002)

Gregor Mayer
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