Am Theaterhimmel kurbeln

28. Mai 2002, 19:49
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Großes, poetisches Theater: "Planeta" des russischen Performance- Künstlers Jewgenij Grischkowez bei den Festwochen

Mit "Planeta", seiner zweiten Produktion bei den heurigen Wiener Festwochen, entfaltet der russische Performancekünstler Jewgenij Grischkowez ein großes, poetisches Theater en détail.


Wien - Weil ihm die Welt irgendwann einmal auf den Kopf gefallen ist und von diesem Moment an die schönsten und die hässlichsten Dinge an ihn verloren hat, kann Jewgenij Grischkowez mittlerweile so von unserem Planeten erzählen, als befände er sich in seiner (oder auch unserer) Hosentasche. Dort liegen dann Hoffnung und die Liebe griffbereit, und zwar ganz ohne Pathos.

Aus der planetarischen Verlustmasse, ein Sputnik oder ein Schmetterling, koordiniert der russische Performancekünstler ein Theater en détail, das aber zugleich so groß wird, wie es in den mächtigsten Häusern schon nicht mehr wahr werden kann. Im dietheater Künstlerhaus (noch am Mittwoch um 20 Uhr) geriet diese deutschsprachige Erstaufführung von Planeta (live und kongenial übersetzt von Stefan Schmidtke) zu einem Höhepunkt der noch bis Mitte Juni laufenden Reihe forum festwochen ff.

Grischkowez erzählt, was vom Tage übrig bleibt, dass etwa der Blick einer Frau in der U-Bahn Liebe war und mit welcher Hoffnung man eben manchmal das Haus verlässt. Dafür knipst er, am erleuchteten Fenster einer Frau (Anna Dubrowskaja) stehend - am erhobenen Bühnenpodest ist ihr geschwungenes Kabinett eingerichtet -, ein winziges Sternenensemble an, kurbelt später über ihrem Dach einen Segeltuch-himmel hoch, lässt irgendwann zwei blinkende Flugzeuge auf Schnüren diesen queren und fliegt selbst - von Liebe entleert - mit einem Megafon davon. Bis Thailand.

Poetisches Handwerk

Grischkowez dreht die Welt um, und er dreht sie auf wie einen Ton, dessen Klang man genau zuhören muss. Er führt einen piepsenden Sputnik, hoch auf einem Drahtstab gespießt, über unsere Köpfe spazieren. Das ist poetisches Handwerk! So zoomt er Zeitpunkte in einer Stadt von irgendwo draußen zu Momenten unruhiger Seelenpein oder unbedarfter Glückszustände. Einen solchen erreicht das Stück zum Schluss, als Mann und Frau - sie spielen nicht mit-, sondern nebeneinander - sich im Kabinett zufällig aneinander lehnen. Das Zimmer kippt dabei seitlich gefährlich ab, beginnt aber dann langsam zu wippen, bis es finster wird und es in unseren Köpfen anders weitergeht.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 5. 2002)
Von
Margarete Affenzeller

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    foto: festwochen
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