Die amerikanische Führungsrolle

4. Juni 2002, 10:06
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Ein Kommentar von Hans Rauscher

Montag ehrte George W. Bush in der Normandie die über 9000 US-Soldaten, die im Juni 1944 bei der Invasion zur Befreiung Europas von der Naziherrschaft gefallen sind. Wenige Tage zuvor sagte der österreichische Schriftsteller Robert Menasse im STANDARD, die USA seien deshalb so unbeliebt, weil sie ihren "Führungsanspruch" auf nichts als die militärische Gewalt" begründeten.

Die Auseinandersetzung mit solchen Aussagen ist nicht leicht, weil man es nicht für möglich hält, dass ein angesehener Schriftsteller und politischer Essayist das wirklich ernst meint. Die Überlegenheit der USA gründet sich natürlich auch auf militärische Stärke, aber die ist eine Folge der wirtschaftlich-technologischen Stärke, und die wiederum gründet sich auf die Überlegenheit einer offenen demokratischen Gesellschaft gegenüber geschlossenen Systemen. Die Sowjetunion war eine Zeitlang den USA militärisch ebenbürtig, aber sie ist (ohne Krieg) zusammengebrochen, weil ihr System mangels innerer Freiheit und damit geistig-wirtschaftlich-wissenschaftlicher Dynamik nicht wettbewerbsfähig war.

Die Führungsrolle ist den USA schon vor über 50 Jahren zugefallen, weil sie die Mittel und vor allem den Willen dazu hatten. Die Ausübung dieser Rolle führte zu zahlreichen Entartungen - Menasse erwähnt die Unterstützung des Pinochet-Putsches gegen die gewählte Linksregierung Allendes - , aber in den großen Linien war die Politik der USA davon bestimmt, "die Welt für die Demo- kratie sicher zu machen" (Roosevelt) und brutalen, totalitären und expansiven System und Regimen Widerstand zu leisten. Selbstverständlich auch im eigenen Interesse, aber notfalls unter Hintanstellung eigener unmittelbarer Interessen. Roosevelt hielt im Zweiten Weltkrieg an einer "Germany first"-Strategie fest, obwohl seine Generäle alle Anstrengungen auf den Krieg gegen Japan konzentrieren und Europa zunächst links liegen lassen wollten. Er hat Hitler als die ungleich größere Menschheitsbedrohung erkannt.

Ohne die Führungsrolle der USA wäre Westeuropa an Stalin gefallen, und in jüngerer Vergangenheit hätten europäische Intellektuelle wie Robert Menasse vielleicht den serbischen Völkermord in Bosnien und im Kosovo beklagt (oder auch nicht), aber die Massenmorde, -vergewaltigungen und -vertreibungen wären ungehindert weitergegangen.

In Bosnien und im Kosovo war das unmittelbare Interesse der USA z. B. sehr gering; entsprechend spät griffen sie denn auch ein, aber die Europäer hätten überhaupt nicht eingegriffen. Dass die USA die ersten dreißig Jahre von Robert Menasses Erdendasein dafür sorgten, dass er nicht Hymnen auf den großen Ersten Sekretär schreiben musste, entsprang natürlich auch ihrem Eigeninteresse, aber die Absicht war, Westeuropa demokratisch zu halten, und das ist auch gelungen. Und zwar in einem sehr hohen Maße durch die Militärmacht der Vereinigten Staaten.

Die Unbeliebtheit der USA resultiert aus der Tatsache, dass sie so groß und mächtig sind. Die Al-Qa'ida-Terroristen handeln wie die allermeisten Terroristen auch nicht wegen der "Armut in der Welt", sondern weil sie gerne einen islamistisch-totalitären Gottesstaat errichten möchten und weil sie - zu Recht - der Meinung sind, dass das größte Hindernis dafür die USA sind.

Eine Führungsrolle ohne militärische Macht gibt es nicht. Menasse möchte die USA gerne als harmlose, abgedankte Weltmacht wie England oder Spanien. Dann hätte er sie wieder lieb. Das Vakuum an Führungsmacht würde dann allerdings von anderen ausgefüllt werden. Hat Menasse Vorschläge, wen er da gerne hätte? (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 28.5.2002)

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