Das (Er-)Lebens-Alter der Dichtung

2. Juni 2002, 20:55
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Der Roman einer 16-Jährigen wirft Fragen auf nach den Beurteilungskriterien für Literatur

Wien - Literarisches Schreiben setzt Erfahrung voraus. Erfahrung von Leben und Sprache - und deren Reflexion. Nahezu selbstverständlich scheint es daher, Dichtern ein gewisses Mindestalter zuzuordnen. Unter 18-jährige Autoren, de jure Minderjährige, trifft man denn auch weit seltener an, als etwa die Musik ähnliche Wunderkinder aufzubieten weiß.

Erreicht dennoch das Buch eines Pubertierenden den Buchmarkt - wie vor drei Jahren der autobiografische Roman Crazy des 16-jährigen Benjamin Lebert -, wird es vom Boulevard bejubelt, von der Literaturkritik scheel beäugt, wird schließlich dem unter Expansionszwängen agierenden Verlagswesen intellektueller Kindesmissbrauch unterstellt. - Ein Vorwurf, der nicht von der Hand zu weisen ist. Ein anderes Angriffsziel der Medien hingegen hält näherer Betrachtung nicht stand. Dieser Tage erscheint bei Goldmann unter dem Titel Dich schlafen sehen die deutschsprachige Version des Romans Respire der Französin Anne-Sophie Brasme. Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Geschichte einer jugendlichen Mörderin, bei der sich eine Mädchenfreundschaft zu wahnhafter Besessenheit entwickelt hatte, war Brasme 16 Jahre jung. Und neuerdings zeigt sich, dass die Beurteilung nach herkömmlichen literarischen Kriterien bei minderjährigen Autoren zu kurz greift.

Natürlich: Die Sprache wirkt vielfach gestelzt, manche Reflexion angelesen, manche psychologische Einsicht verfehlt. Solche Betrachtungweise zielt jedoch an der großen Qualität beider Bücher vorbei, die in der beklemmenden Wucht liegt, mit der sie Ängste und Nöte der Pubertät schildern. Beide Autoren beschreiben die beunruhigenden Gefühlswelten Heranwachsender aus Außenseiterpositionen: Benjamin Lebert leidet unter einem halbseitigen Spasmus, Anne-Sophie Brasme wie ihre Protagonistin Charlène an Asthma. Schulische Ängste, Einsamkeit, Sehnsucht nach Verständnis nehmen darin Ausmaße an, wie sie so genannten Erwachsenen, gewohnt, ihre Gefühlswelt beruflichen Erfordernissen nachzuordnen, längst entfremdet sind.

Unversehens steigt mit der Lektüre der Romane von Lebert und Brasme die Unbedingtheit erinnernd auf, mit der in der Pubertät die großen Fragen des Lebens reflektiert werden. Beschämend nimmt sich neben der Wildheit, der Bedingungslosigkeit der jugendlichen Dichter die kompromissbereite Anpassung von uns Älteren aus. Was also wären solche Romane, wenn nicht Literatur?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 5. 2002)

Von
Cornelia Niedermeier

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