Kinderpsychologin Dr. Brigitte Cizek über das Scheidungsopfer Kind

3. Juni 2002, 13:44
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Eltern, die sich scheiden lassen, können ihren Kindern viele seelische Schmerzen ersparen, wenn sie ein paar wichtige psychologische Verhaltensregeln beherzigen. Im Interview mit mymed.cc: Kinderpsychologin Dr. Brigitte Cizek.

Das Interview führte Peter Seipel

mymed: Frau Dr. Cizek, im österreichischen Durchschnitt wird jede dritte Ehe geschieden. Als Kinderpsychologin und Leiterin der Familienforschungsstelle sind sie täglich mit dem seelischen Leid der betroffenen Kinder konfrontiert. Wie können Eltern, die sich trennen, ihren Kindern Schmerzen ersparen?

Cizek: Eine Scheidung der Eltern wird von den gemeinsamen Kindern immer schmerzhaft erlebt. Kinder sind in solchen Situationen viel sensibler, als man glaubt. Sie erkennen eine Krise in der Beziehung ihrer Eltern oft früher, als diese selbst. Kinder haben aber prinzipiell große seelische Ressourcen, mit einer Scheidung fertig zu werden. Wie stark sie darunter leiden, hängt vor allem davon ab, wie sich die Eltern während und nach der Trennung verhalten.

mymed: Wie sollen Eltern ihren Kindern beibringen, dass sie sich scheiden lassen wollen?

Cizek: Am wichtigsten ist es, die Partnerschaft von der Elternschaft zu trennen und ganz konkret auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen. Zum Beispiel haben Kinder immer wieder beste Freunde oder Freundinnen, mit denen sie sich irgendwann streiten, und dann sind sie nicht mehr beste Freunde. Erzählt man einem Kind dieses Beispiel aus seiner eigenen Beziehungswelt, kann es auch die Trennung der Eltern besser verstehen.

mymed: Wie sollte der Kontakt des Kindes zu seinen Eltern nach der Trennung am besten geregelt werden?

Cizek: In den meisten Fällen ist es so, dass die Kinder bei der Mutter leben und dass sie mehr oder weniger regelmäßig vom Vater besucht oder abgeholt werden. Dabei ist eine klare Regelung mit fixen Terminen sinnvoll, damit sich das Kind auskennt. Die Besuchstermine sollten auf jeden Fall eingehalten werden, denn wenn der Papa einmal nicht kommt, reagiert das Kind sofort mit großer Angst, dass es verlassen werden könnte.

mymed: Wie oft sollte das Kind beim Vater sein, wie oft bei der Mutter?

Cizek: Selbst wenn beide Partner guten Willens sind, werden hier oft Fehler gemacht. So ist es zum Beispiel nicht gut, wenn ein Kind eine Woche beim Vater und die nächste Woche bei der Mutter lebt, da muss es ständig übersiedeln. Ein Kind braucht ein Zuhause und das sollte man ihm lassen. In seiner gewohnten Umgebung kann es die neue Situation am besten bewältigen. Deshalb ist es auch besser, im Zuge der Trennung nicht gleich zu übersiedeln, um dem Kind nicht noch zusätzliche Veränderungen aufzubürden. Das wichtigste ist, dass die Eltern völlig unabhängig von ihren persönlichen Konflikten eine verantwortungsvolle Elternschaft leben und eine Besuchs-Vereinbarung treffen, mit der beide gleichermaßen zufrieden sein können.

mymed: Das wäre der Idealfall, aber wie sieht es in der Realität aus?

Cizek: Leider werden die Kinder manchmal als Waffe im Beziehungskonflikt missbraucht. Mütter werden vom Gesetzgeber beim Sorgerecht immer noch bevorzugt. Sie haben die Macht, zum Vater zu sagen: Tut mir leid, das Kind hat Schnupfen, du kannst es heute nicht abholen. Werden immer wieder solche Hinderungsgründe vorgeschoben, kann das auf Dauer zu einer Entfremdung des Kindes vom Vater führen. Ich warne in solchen Fällen immer davor, dass dieses negative Verhalten meistens auf den Verursacher zurückfällt, wenn die Kinder älter und selbstbestimmter sind. Es gibt aber auch die Fälle, in denen ein Kind gar nicht zum Vater will. Das kann sein, weil es vor ihm Angst hat, oder weil es sehr stark von der Mutter beeinflusst worden ist. In solchen Fällen sollte ein Kinderpsychologe zu Rate gezogen werden, um die wahren Ursachen herauszufinden. Ich betone noch einmal: Am wenigsten leiden die Kinder, wenn es den Eltern gelingt, die Paar-Ebene strikt von der Kind-Ebene zu trennen.

mymed: Wie sollen die Ex-Partner auf der Kind-Ebene am besten kommunizieren?

Cizek: Sie sollen weiter vor den Kindern im Gespräch miteinander bleiben, denn Kinder wünschen sich nichts sehnlicher, als die Welt des Vaters mit der Welt der Mutter zu vereinen. Je öfter und entspannter also der Kontakt zwischen den Ex-Partnern stattfindet, umso leichter ist es für die Kinder. Es ist also ein Fehler, wenn das Kind unten an der Haustüre abgegeben wird und oben von der Mutter empfangen wird, nur weil die Eltern nicht mehr miteinander reden wollen.

mymed: Wie merkt man einem Kind an, dass es unter der Situation sehr stark leidet?

Cizek: Es gibt verschiedene Auffälligkeiten im Verhalten, die vom Bettnässen bis zu unkontrollierten Wutausbrüchen reichen. Manche Kinder werden sehr ruhig und bekommen Bauch- oder Halsschmerzen. In diesen Fällen ist der Hausarzt gefordert, nicht gleich organische sondern auch seelische Ursachen in Betracht zu ziehen und das Kind lieber einem Kinderpsychologen zu überweisen als einer Klinik zu einer Gastroskopie.

mymed: Welche Fehler sollten Eltern in der Zeit nach der Trennung vermeiden?

Cizek: Zum Beispiel sollten die Erziehungsaufgaben weiterhin miteinander abgesprochen und aufgeteilt werden. Wenn ein Kind vom getrennt lebenden Vater einmal pro Woche immer nur verwöhnt wird, wird es zu Hause stärker revoltieren, wenn es seine Schulaufgaben machen oder das Kinderzimmer zusammenräumen muss. Auch wenn neue Partner ins Spiel kommen, muss die Erziehung der Kinder am besten unter allen Beteiligten abgesprochen werden, auch wenn das manchmal nicht leicht fällt. Kinder können nämlich sehr geschickt darin sein, die Erwachsenen gegeneinander auszuspielen.

mymed: Frau Doktor, wir danken für das Gespräch!



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