Alttextilien als Neubeginn

27. Mai 2002, 14:56
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Das Behinderten-
integrationsprojekt der "Volkshilfe-Box" bietet langzeitarbeitslosen Frauen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt - mit Ansichtssache

Die große Werkstatt-Halle in der Wiener Modecenterstraße ist auffallend hell. Radiomusik plätschert ans Ohr, leises Stimmengewirr und das Rascheln von Plastiksäcken. An langen Tischen sind mehrere Frauen mit dem Sortieren von Kleidung beschäftigt, entlang einer der Wände türmen sich meterhohe Berge an Gewandsäcken. "Soll ich hier noch eine Reihe dranlegen?", fragt ein Mitarbeiter, der einen der riesigen Berge umschichtet. "Leg lieber da drüben noch was drauf", avisiert ihm die Bereichsleiterin.

Der männliche Mitarbeiter ist eine Ausnahme im Behindertenintegrations der "Volkshilfe-Box" - der Großteil der Projektmitarbeiterinnen ist weiblich. Die meisten waren davor durchschnittlich zwei bis vier Jahre langzeitarbeitslos, an die Volkshilfe vermittelt werden die TeilnehmerInnen vom Arbeitsmarktservice. Bei den Frauen war die Zeit ohne Job durch die Kindererziehung meist noch länger. Viele von ihnen haben nur geringe Qualifikationen, oft nur Pflichtschule, kaum einen Lehrabschluss. Alle haben eine mindestens 50prozentige Behinderung eine Voraussetzung, um aufgenommen werden zu können. "Durch das Projekt sollen diese Menschen wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden", sagt Projektleiter Konstantin Bartha. "Wir versuchen, ihnen eine reelle Arbeitssituation zu vermitteln, ohne sie zu dabei gleich zu überfordern."

Tonnenweise Kleidung

Die 38 MitarbeiterInnen arbeiten 40 Stunden pro Woche als Angestellte in der Halle und bekommen dafür rund 740 Euro netto im Monat. Sie sortieren die Kleidersäcke aus den Alttextilien-Containern der Volkshilfe und bereiten sie dann auf: Über 200 Tonnen sind es jährlich. Gut erhaltene Kleidung kommt in die drei Second-Hand-Shops zum Verkauf, ein Teil geht an Flüchtlingsprojekte und Obdachlose, das meiste an Großhändler in Ungarn, Bulgarien oder Rumänien, wo die Textilien recyclet werden. Die Anstellung ist auf zwölf bis maximal 30 Monate begrenzt, daneben erhalten die MitarbeiterInnen auch Bewerbungs- und Integrationstrainings, Hilfe von SozialarbeiterInnen und werden bei der Jobsuche unterstützt.

Zeit zur persönlichen "Sanierung"

"Die Behinderung ist meist gar nicht das Haupthemmnis für die Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess", sagt Bartha. "Viele haben sich durch die lange Arbeitslosigkeit nämlich auch äußerlich vernachlässigt." Über achtzig Prozent hätten außerdem Schulden, teilweise sehr hohe. In dem einen Jahr sollen sie Zeit haben, wieder zu sich zu finden, sie bekommen außerdem regelmäßige ärztliche Untersuchungen und bei Bedarf auch Therapie.

Unterstützung für Alleinerzieherinnen

Für die Alleinerzieherinnen unter den Werkstatt-Frauen ist die Situation aufgrund der Doppelbelastung auch in diesem Job schwierig. "Wir versuche aber, ihnen entgegenzukommen, wo es geht", sagt Werkstatts-Leiterin Monika Jelinek. Frauen, die ihre Kinder abends aus dem Kindergarten abholen müssen, der vor sechs Uhr schließt, haben dann zum Beispiel statt 40 nur 38 Stunden Dienst. Die Sozialarbeiterinnen helfen ihnen außerdem, Beihilfen zu lukrieren und die Schulden zu regulieren. Natürlich könnten sie auch 20 Stunden arbeiten, sagt Projektleiter Bartha, aber das sei keine Hilfe, denn: "Dann verdienen sie fast gar nichts mehr."

Chance für Neubeginn

Das Projekt ist für die Frauen in jedem Fall eine Chance für einen Neubeginn: "Ich habe zwei Mädchen, die schon groß sind", sagt Angela, eine Mitarbeiterin, die erst seit drei Wochen dabei ist: "Früher habe ich als Bedienerin in einer Bank gearbeitet, dann war ich lange Zeit ohne Arbeit - mit der Anstellung geht jetzt wieder vieles leichter." Später würde sie gerne wieder als Bedienerin arbeiten.

Auch Belkis freut sich, dass sie diesen Job bekommen hat: Ihre Muttersprache ist arabisch, seit fast zehn Jahren lebt die ehemalige Journalistin mit ihrer Familie in Wien und ist seitdem ohne Job. "Ich will zuerst wirklich gut Deutsch lernen, vielleicht kann ich dann in einem Büro arbeiten, das wäre fein." Die Arbeit hier mache ihr Spaß, sie hätte Gelegenheit zum Üben und die schlimme Zeit davor sei für sie damit überstanden: "Jetzt scheint für mich wieder die Sonne", sagt sie.

Isabella Lechner

Beschäftigungsinitiative "Volkshilfe-Box"
Modecenterstrasse 10, 1030 Wien
Tel.: 01/796 78 92, Fax: 01/796 78 95
E-Mail:box@bi.volkshilfe.at" 9-18 Uhr (jeden 1. Samstag bis 17 Uhr)

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