Ja! Natürlich: Tragödie als Bioprodukt

26. Mai 2002, 19:24
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Internationalität und edle Festivalatmosphäre: "Bakchen" von ZT Hollandia bei den Festwochen

Viel Leder, Leinen, Seide, schöne Darsteller und ein syrisches Musikerensemble sorgen bei der "Bakchen"-Inszenierung der niederländischen Truppe ZT Hollandia für Internationalität und edle Festivalatmosphäre.


Wien - Das griechische Theater - die griechische Tragödie zumal - ist bekanntermaßen die Keimzelle abendländischer Theaterkultur. Längst ist das Wissen um die Herkunft von Schauspiel und - versehentlich - Oper aus den dithyrambischen Bocksgesängen des Dionysos-Kults bürgerliches Bildungsgut. Alljährlich aber drängt sich, angesichts heutiger Tragödienpflege auf Stadt- und Staatstheaterbühnen, die ketzerische Frage auf: Ist der antike Stoff auch des Theaters Gegenwart?

Kann die archaische Kraft der Mythen auf der Bühne heute noch gedanklichen Sprengstoff freisetzen? Können die Fragestellungen uns noch in Nachdenken (von existentieller Beunruhigung nicht zu reden) versetzen? Oder ist der sprachliche, gedankliche Kern in den Tragödien begraben unter einem Olymp von Detailangaben antiken Grundwissens, über das heute allenfalls ein paar Altphilologen, Theaterwissenschafter und Bildungsbürger verfügen, denen die Wiederbegegnung mit den vertrauten Texten auf der Bühne erlesensten Genuss (und wärmendes Überlegenheitsgefühl) verspricht?

Kann die Form beim Rest des Publikums immerhin wohlige Schauer domestizierter Archaik freisetzen? Strenge chorische Exerzitien etwa eines Einar Schleef? Und ist der Rest der hehren Tragödienpflege in Wahrheit nicht eine Sonderform edler, in erlesensten Biomaterialien (Erde, Leder, Leinen) verpackter Luxusware, Markenprodukt mit antikem Gütestempel für anspruchsvolle Kunden?

Kaum ein Festival mag heute auf die jährliche Tragödie im Katalog verzichten. Auch die Wiener Festwochen boten nun mit Euripides' letztem Werk, den Bakchen, in der Umsetzung durch Johan Simons' und Paul Koeks niederländische Truppe ZT Hollandia international gefeiertes Mythentheater auf. Edlen Stoff, fürwahr: der Vorhang aus zottigen Schaffellen, das weite Bühnenareal bedeckt mit (garantiert schmutzfreiem) braunem Hydrokugel-Erdersatz, Stapel von Pferdedecken, mit Lederriemen zu Sitzflächen gegürtet, dazu Holzsessel, Holztische - mediterrane Archaik in manufactum-Qualität.

Mnouchkine und Brook

Darin der rasende Bocksgesang vom rächenden Brüller Dionysos, dem jungen Gott des Rausches und des Rebensafts, der heimkehrt in menschlicher Gestalt nach Theben, wo er seine Tanten, die ihm die göttliche Abkunft nicht glauben, verhext zu orgiastisch-wilden Bakchen, sie in den Wald schickt und seinen Cousin, König Pentheus, den ungläubigen Diktator, hinterher, damit er von der eigenen Mutter, Agaue, in ihrem Wahn getötet und zerrissen werde.

Kein barmherziger Gott, der entfernte Christus-Ahn Dionysos. Ein eitler, gekränkter Jüngling (braunlockicht schön wie von Caravaggio: Fedja van Huêt) mit gefährlich viel Macht - ganz wie Vetter Pentheus (Aus Greidanus jr.) - bei Simons/Koek.

Dass Thebens Volk unter beiden nicht allzu viel leidet, dafür sorgt die Musik. Syrische Musik, genau genommen. In Auftrag gegeben bei Komponist Nouri Iskander, da die Holländer Ähnlichkeiten der griechischen Klassik mit der Musikkultur der syrisch-orthodoxen Kirche aufspürten. Live vorgetragen vom 16-köpfigen arabischen Sänger- und Musikerensemble als gesangliche Darbietung der chorischen Strophen mit der durchsonnten Fröhlichkeit mediterraner Folklore.

Auch ansonsten zeigen sich Simons/Koek als Ziehsöhne einer ästhetischen Liaison von Ariane Mnouchkine und Peter Brook: Ethnologie, Multikulturalität, rasende Barbie-Bakchen im Fellgewand, schöne Menschen und feine Stoffe. Die knapp dreistündige Mixtur erzeugt höchste internationale Festivalkompatibilität, was angesichts der hohen Kosten dringend nötig erscheint. Brüssel, Wien, Amsterdam, Köln, Duisburg heißen die ersten Stationen. Weitere werden folgen. Bestimmt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 5. 2002)

Von
Cornelia Niedermeier

  • Artikelbild
    foto: festwochen/ ben van duin
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