Reise in die Gewässer des Schweigens

24. Mai 2002, 19:48
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António Lobo Antunes' Abgesang auf Revolutionsromantik und Heldentum

Dieser Roman ist ein typischer Antunes. Neueinsteigern stellt er sich in der ihm eigenen Erzählweise vor, Kenner wissen, was sie auch hier wieder erwartet. Neun Bilder drängen sich auf den ersten elf Zeilen. Und - auch wenn man auf seine Art des Erzählens eingestellt ist - fasst man sie nicht gleich. Erst nach dem zweiten, dritten Lesen erschließen sie sich ganz in ihrer Intensität. Und das wird sich bis zum bitteren Ende auf Seite 797 nicht ändern.

Der Fado: Strophe reiht sich an Strophe, jede darum bemüht, das Elend, die Verzweiflung, die Trauer, den Ekel, die Sehnsucht nach Liebe noch intensiver darzustellen als die vorhergehende. Formal tut der Autor wenig dazu, den Wust an Bildern, Schicksalen, Eindrücken, Geschehnissen zu gliedern, er zerlegt ihn in drei Teile: "Vor der Revolution", "Die Revolution" und "Nach der Revolution" und diese Teile wieder in Kapitel.

Zum Inhalt: In einem Lokal in Lissabon findet zehn Jahre nach der Nelkenrevolution ein Veteranentreffen statt. Fünf Männer sitzen an einem Tisch beisammen, vier erzählen, einer hört zu. Die vier monologisieren. Vorerst nur selten, im Verlauf des Abends immer mehr und mehr, werden sie von einem der anderen, von Reaktionen des Zuhörers oder von dem, was im Lokal vor sich geht, unterbrochen.

Sie erzählen vom Krieg in Afrika, von den Greueln, an denen sie mit Schuld waren und müssen erkennen, dass alles, was dort passiert ist, für nichts und wieder nichts geschehen ist. Sie haben Schwierigkeiten, im normalen Leben in Lissabon wieder Fuß zu fassen, machen der Enttäuschung über ihre Frauen Luft, geben ihre Sehnsüchte nach unerreichbaren Geliebten preis und berichten von der Revolution, die sich angeschlichen hat und sie überraschte.

Aber, Lobo Antunes lässt sie das alles in dem von ihm grausam perfektionierten Stil tun. Mitten im Satz wechselt er aus einem Aufzug in Lissabon in den afrikanischen Dschungel. Er ist ein Meister im Verflechten mehrerer Szenen, in denen nur der Hauptdarsteller gleich bleibt, oder aber er unterbricht mit ein, zwei Sätzen aus einer ganz anderen Geschichte die fortlaufende Handlung und lässt auf eine Frage aus der Gegenwart eine Antwort aus der Vergangenheit folgen.

Beim Leser stellen sich zuweilen Ermüdungserscheinungen ein, er fragt sich, wie lange er sich das noch antun kann oder will. Großrezensoren aus dem seligen Literarischen Quartett haben bei diesem portugiesischen Autor schon das Handtuch geworfen. Natürlich kann man sich dem allen durch Verweigerung entziehen, aber der Psychiater Antunes lässt einen nicht aus, das Schicksal seiner Helden lässt nicht kalt, es geht unter die Haut.

Großen Verdienst daran hat Maralde Meyer-Minnemann, seine Übersetzerin aus dem Portugiesischen. Sie folgt ihm kongenial bis in die kleinsten Details, die sie ins Deutsche herüberbringt. Und man stellt sich die jetzt ohnehin völlig obsolete Frage, ob - wenn Lobo Antunes einen so guten Übersetzer, eine so gute Übersetzerin auch ins Schwedische hätte - nicht doch er den Literaturnobelpreis erhalten hätte und nicht José Saramago. Wobei nach der Lektüre von dessen Roman Das Zentrum zweifelsohne feststeht, dass dem abgeklärten Altmeister diese Auszeichnung gebührt.

A propos abgeklärt. Es muss festgehalten werden, dass Fado Alexandrino vor 20 Jahren entstanden ist und Lobo Antunes in seinen letzten Romanen ruhiger geworden, nicht mehr so zerrissen ist. Lichtblicke gibt es aber auch schon in dem hier und jetzt vorliegenden Buch. Aus dem Meer an Miserabilität und Zerfall erheben sich kleine Inseln voll stiller Schönheit: Landschaftsbeschreibungen zumeist, ein Augenblick in Afrika, eine abendliche Szene in Lissabon, das Ufer des Tejo, eine Nacht am Meer. Oder aber, wenn diese korrupten, brutalen, feigen Männer sich ihrer uneingestandenen Wünsche bewusst werden. Die Revolution spült bei einigen von ihnen die Sehnsucht nach der kleinbürgerlichen Jugend hoch, die ein Ort der Ruhe war im Gegensatz zu den nicht zu bewältigenden Anforderungen der Gegenwart.

Seinen ganzen Spott und Hohn gießt der Autor kübelweise über die sogenannte "gute" Gesellschaft Lissabons aus, er schreckt sie auf, treibt sie herum wie die Hühner, schadenfroh sieht man dieser durch die Revolution entstandenen Hetze zu. Gegen Ende verdichtet sich das Geschehen, der Autor verbindet die Geschicke seiner Helden auf grausame Weise miteinander.

Und dann redet auf einmal eine Frau, zum ersten und einzigen Mal hat eine Frau das Wort - nachdem der Fünfte, dem die Vier bisher alles erzählt haben, im Labyrinth der Handlung verloren gegangen ist. Auch diese Frau redet vom Hass, vom Hass gegen die Männer und gegen sich selbst. Noch einmal kommt all das Furchtbare hoch, an das man sich gewöhnt zu haben glaubt. Aber diese geschundene Kreatur überlebt. Eine zarte, natürlich unerwiderte Liebe hilft ihr vieles zu ertragen.

Nach diesem weiblichen Intermezzo hat der Autor genug von seinen Helden, er wirft sie einen nach dem anderen weg, er zerdrückt sie gleichsam, als ob sie ihm lästig geworden wären. Er will nichts mehr mit ihnen zu tun haben.

( Von Konrad Holzer - Album, 25.05.2002)

António Lobo Antunes, Fado Alexandrino. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. EURO 30,40/800 Seiten. Luchterhand, München 2002.

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