Poesie der Gebrochenheit

27. Mai 2002, 11:36
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Tenor- und Sopransaxophonist Wayne Shorter zeigt auf seiner neuesten Live-CD, dass er nach wie vor einer der subtilsten Improvisatoren des internationalen Jazz ist

Als John Coltrane die Band von Miles Davis zu verlassen dachte, bot er Wayne Shorter seinen Job an. Shorter rief Miles an, der damals allerdings ungefähr meinte: "Wenn ich einen Tenorsaxophonisten brauche, hole ich mir schon selbst einen!" Er ärgerte sich über Coltrane, den er eigentlich nicht gehen lassen wollte. Und wenn sich Miles ärgerte, war er nicht gerade der Inbegriff der Zugänglichkeit . . . Etwas Zeit musste denn auch vergehen, und heute wissen wir, dass Shorter schließlich 1964 im Quintett des alten Grantlers landete und seine Kapazitäten voll entfalten konnte (Shorter: "Bei Miles fühlte ich mich wie ein Cello, wie eine Viola."). In seiner Autobiografie jedenfalls äußert sich Miles Davis im Rückblick ausnehmend freundlich über die Zusammenarbeit mit seinem Tenorsaxophonisten, der natürlich auch zum Sopran griff:

"Es war ein gutes Gefühl, ihn in der Band zu haben, denn ich wusste, mit ihm zusammen würde große Musik passieren. Er war der Ideenbringer. Wayne brachte auch eine kuriose Art und Weise, mit musikalischen Regeln umzugehen. Wenn sie nicht funktionierten, brach er sie. Aber auf eine sehr musikalische Art und Weise. Er verstand, dass die Freiheit in der Musik darin bestand, die Regeln zu kennen, um sie nach seinem Geschmack auszudehnen. Wayne war draußen in seinem Flugzeug und flog um seinen eigenen Planeten herum. Jeder andere in der Band ging hier auf der Erde herum. Er war mit seinen Arrangements der intellektuelle musikalische Katalysator der Band." Shorter war damals schon ein Konzeptualist, der mit Formen experimentierte und harmonisch weit über den Mainstream-Horizont hinausblickte.

Seine diesbezüglichen Ideen befreiten einst Schlagzeuger Art Blakey und dessen Jazz Messengers von gewissen harmonischen und formalen Restriktionen. Blakey bestand darauf, Shorters Stücke aufzunehmen, auch wenn Blue Note der Meinung war, sie seien zu avantgardistisch. Eine Offenheit war die Folge, die auch das zweite Quintett von Miles Davis sich zunutze machte (mit Tony Williams, Herbie Hancock und Ron Carter). Auch den Jazzrock der 70er-Jahre hat Shorter später entscheidend weitergeführt - zusammen mit Joe Zawinul bei Weather Report. Bisher hat übrigens jedes verlockende Finanzangebot die beiden nicht dazu bewegen können, die Band wiederzubeleben.

Shorter ist ein ganz eigener subtiler Musikkosmos. Sein Musikinteresse hatte auch mit Film zu tun. Er malte sich aus, musikalisch das tun zu können, was Humphrey Bogart auf der Leinwand tat. Außerdem kam er von der Malerei und der Bildhauerei, was seine Musikfantasie insofern beeinflusste, als diese mit einem Denken in Farben befasst war. Ein gleichsam impressionistischer Zugang zum Jazz. Shorter ist eine Doppelbegabung: Als Komponist ist er Schöpfer so einprägsam-subtiler Stücke wie Footptrints; als Improvisator klingt er wie ein unberechenbar-wendiger facettenreicher "Sänger", der zweifellos von John Coltrane, seinem Mentor, beeinflusst wurde - man höre nur die Aufnahmen der später 50er-Jahre.

Aber wie jeder überragende Spieler konnte er über das Original hinausgelangen und einen persönlichen, sanften, doch satten Ton entwickeln. Auf diesem Live- album (Universal), 2001 auf diversen Jazzfestivals aufgenommen, ist alles zu hören: Shorter verbindet die auratische Eleganz eines Ben Webster mit einer bewussten Gebrochenheit der Phrasen, die sich freihält von Hardbop-Klischees. Alles kommt vermenschlicht daher, ist der Ausdruck einer aus der Lyrik nervös ausbrechenden Seele. Hektisch, dann wieder versonnen, unberechenbar jedenfalls in der Improvisation, die ihm nur eine Form der schnellen Kompostion ist. Tradition und Moderne verschmelzen bei Shorter zweifellos zu einer unimitierbaren persönlichen Kunst. Man könnte sagen: anspruchsvolle Zugänglichkeit.

Es ist in den Soli Shorters gewissermaßen jene Ambivalenz der Musikgefühle wahrzunehmen, jenes Ausloten aller Seelenzustände nachhörbar, die man auch in einer Mahler-Symphonie findet. Man wird es hören: Shorter kommt nach Wien zum Jazzfest (3. Juli).

derStandard/rondo/24/5/02

von Ljubisa Tosic
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