Jazzneuheiten

28. Mai 2002, 14:10
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Die interessantesten Jazzneuheiten der Woche - aus Geschichte und Gegenwart

SARAH VAUGHAN It's a Man's World
(Verve/Universal)
Die Rache der Musikgeschichte an der Gegenwart ist die Wiederveröffentlichung von Tonmaterial: Der Vergleich macht bisweilen sicher, nicht insofern, als man behaupten möchte, alles sei früher besser gewesen. Eher führt der Vergleich dazu, zu sehen, wie deckungsgleich viele der heutigen Jazzdinge mit dem sind, was einst geschah. Veröffentlicht also alles von früher! Schüttet den Markt zu mit Geschichte, auf dass die lebenden Künstler unter Druck geraten, sich stilistisch endlich mehr abzugrenzen und nicht die Geschichte imitieren, sei es noch so gekonnt! Jetzt hat Verve wieder in sein Archiv geblickt und eine Menge Edelsteine - schön verpackt - auf den Markt geworfen. Sarah Vaughan besingt hier das Thema "Mann" - ihre delikat-tiefe Stimme lässt keine Möglichkeit zum Vibrato und zum Glissando aus, findet sich umgarnt von Streichern und fettem Bigbandsound. Im vokalen Bereich kann man in der Wiederveröffentlichungsserie auch nachhören, wie Mel Tormé in spanischem Klanggewässer schwimmt, wie Ella Fitzgerald sanft durch Stücke wie "Whisper Not" schwebt, Anita O'Day swingt und Margaret Whiting Songs von Jerome Kern interpretiert. Im Latin-Bereich begegnet man Sergio Mendes, im Afrokosmos Dizzy Gillespie (mit einer relaxten Version von "A Night in Tunisia"). Und Harfenistin Alice Coltrane, die hier schon sehr episch-freie Improvisationen zulässt.

FRANZ KOGLMANN Don't Play, Just Be
(BTL/EFA)
Eine sanfte Welt zunächst. Flügelhorn und Bass im Dialog. Aber es wäre nicht der Wiener Franz Koglmann, würde er auf Kontraste verzichten, auf stilistische Gegensätze und ambivalente Gefühlswerte - und würde er sie nicht mit gewohnt subtiler Komponierhand dramaturgisch aneinander binden. Es ist Kammermusik, die in Europa ihr Basislager hat und sich bisweilen doch improvisatorisch nach coolem Jazz sehnt. Eine delikate Einspielung, sowohl das Atmosphärische wie auch die strukturelle Stringenz betreffend. Mit von der Partie das Klangforum Wien, der mitunter exaltierte Saxophonist Tony Coe und von Koglmann ironisierend vertonte Gedichte von Franz Schuh. Intelligentes Spiel mit der Musikgeschichte.

GUY KLUCEVSEK The Heart Of Andes
(Winter & Winter/Edel)
An die 50 Kompositionen wurden für ihn geschrieben, unter anderem von John Zorn, Fred Frith und Alvin Lucier. Guy Klucevsek ist ein Akkordeon-Meister, der zwischen Zu- gänglichkeit und Widerborstigkeit pendelt und beide Welten kauzig mixt. Hier sind malerische Weisen wahrzunehmen, gebrochen etwa durch eigenartig ungerade Taktarten. Stilisierte Folklore. Schön-sentimentales Melodie-Schweben. Orgelhafte Üppigkeit.

tos

derStandard/rondo/24/5/02

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