Symbolische Vatermorde in Stadt- und Schrebergarten

4. Juni 2002, 10:45
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Schöpferin der "Nanas", Niki de Saint Phalle 72-jährig in Kalifornien gestorben

San Diego - Mit ihren "Nanas" hat sie unverwechselbare Symbole für ein matriarchalisches Weltbild geschaffen. Aus den ursprünglich aggressiv kämpferischen, "verschlingenden Müttern", wurden im Lauf der Zeit fröhlich bunte Botinnen üppiger Weiblichkeit, an denen alle Welt Gefallen fand.

Die einzige Frau im Kreis der "Nouveaux Réalistes" und Lebensgefährtin Jean Tinguelys war eine der bekanntesten Künstlerinnen der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, ihre "Nanas" prägten ein allgemeines Verständnis von Kunst im öffentlichen Raum. Sie starb 72-jährig in San Diego an den Folgen ihrer Arbeit mit toxischem Polyester.

"Ich schoss gegen alle Männer, gegen die Gesellschaft, gegen mich selbst"

Picasso war ganz bestimmt einer der Typen, auf den sie gerne geschossen hätte: "Ich schoss gegen Daddy, gegen alle Männer, gegen die Gesellschaft, gegen mich selbst", erinnert sich Nanas Mutter 1995 in Peter Schamonis Dokumentation Niki de Saint Phalle: Wer ist das Monster - du oder ich? Da Picasso nun aber auch einer jener perfiden Typen war und ist, an denen keine KunstproduzentIn vorbeikommt, hat er schon 1922 ebenso ausufernd dicke wie fröhliche Apotheosen der Weiblichkeit über den Strand tollen lassen - Nanas Großmütter.

Niki erblickte erst 1930 das Licht des Patriarchats. Als Catherine Marie-Agnès de Saint Phalle. Als Tochter in eine der ältesten und ebenso begüterten französischen Adelsfamilien geboren, lernte sie zunächst die Eigenheiten katholischer Erziehung in einem amerikanischen Kloster, später, geübt durch ihren Vater, die Sünde "Inzest" kennen. Bevor die junge Gräfin beginnt, sich 1961 im Hof des Ateliers ihres späteren Lebensgefährten Jean Tinguely freizuschießen, jobbt sie als gertenschlankes Model für Vogue und Life.

Nikis symbolischen Vatermorde - Karabinerschüsse auf farbbeutelgespickte und Kravattenbewehrte Gipsreliefs - beeindruckten neben Jean Tinguely, Arman, Christo und Spoerri auch den Kunstkritiker Pierre Restany: Niki de Saint Phalle läuft fortan unter Restanys Logo "Nouveaux Réalistes".

"Vorbotin des Matriachalischen Zeitalters"

Es folgen Schrott-Assem-blagen, aufgespießte Monster, drahtbeschlagene Nippesfragmente - und erste vollplastische Nanas aus Wolle und Stoff. Den ersten Modellen der mystischen Urmütter musste jetzt bloß noch das Zerbrechliche ausgetrieben werden. Polyester war der Stoff, mit dem sich die breiten Hüften und prall gefüllten Brüste der Venus ins Monumentale steigern, mit dessen Hilfe sich eine Vagina im Cinemascope-Format bauen ließ. Jean Tinguely brachte Materialkenntnis in Saint Phalles Nana-Power-Traum ein, gemeinsam schufen sie 1966 für das Moderna Museet in Stockholm die Figur Hon - en cathedral (Sie - eine Kathedrale) - eine Lustgrotte mit Bar, Aquarium, Kino, Planetarium, Galerie und Bücherei. Hunderttausende BesucherInnen stürzten sich in den monströsen Ursprung der Welt, in die klaffende Vagina der "Vorbotin des Matriachalischen Zeitalters". Da die Massen letztlich aber doch wieder völlig unbeschadet dem Fleischwolf für androgyne Männerfantasien entstiegen, fanden sie schließlich Gefallen am hübschen Bunt der fröhlichen Dicken und wollten sie fortan zur Dekoration im Stadtgarten sehen. Und so geschah es. Und Niki belieferte die Kommunen und Museumsshops. Das brachte Geld, um jenen Garten im italienischen Bomarzo zu finanzieren, indem die Nanas den Regeln des Tarot gehorchen. Niki de Saint Phalle starb an den Folgen der Arbeit mit dem toxischen Polyester.

Archiv erhält Sprengel-Museum in Hannover

Das Sprengel-Museum in Hannover soll das persönliche und künstlerische Archiv der "Nana"-Schöpferin Niki de Saint Phalle erhalten. Diese Regelung sei vor Monaten mit der Künstlerin vereinbart worden, sagte Museumsdirektor Prof. Ulrich Krempel am Donnerstag in Hannover. "Ich hoffe, dass es endlich eine vernünftige Forschung geben wird, die dieser fantastischen Frau gerecht wird", meinte er. (APA/DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 23.5.2002)

von Markus Mittringer
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