"Einfältige Frauenstudien"

3. Juni 2002, 19:34
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Der Österreichische Gewerbeverein hält mit seiner Meinung nicht hinter den Berg

Der österreichische Gewerbeverein (ÖGV) ließ dieser Tage mit einer ungewöhnlichen Presseaussendung aufhorchen: Unter der Überschrift "Verschont uns mit einfältigen Frauen-Benachteiligungsstudien!" beklagte der Verein die Belästigung mit "überflüssigen" Studien zum Thema Benachteiligung von Frauen im Arbeitsmarkt. Grund für diesen Aufschrei der geplagten Unternehmer war eine Studie, die offensichtlich in die Sicht der Dinge passt: Sowohl ideologisch als auch wissenschaftlich, wie wir erfahren.

Die Studie

Der deutsche Soziologe Hans-Peter Blossfeld und seine Bremer Kollegin Sonja Drobnic veröffentlichten eine Studie, in der international vergleichende Berichte über Karriereverläufe und Alltagsmanagement von 30.000 Paaren gesammelt sind. Das Fazit der großangelegten Untersuchung: "Obwohl in allen untersuchten Ländern die Erwerbstätigkeit der verheirateten Frauen zugenommen hat und die Bildungs- und Karrierechancen von Frauen größer wurden, hat sich die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der Familie nicht in gleichem Maße verändert." So klar, so weit bekannt.

Der Gewerbeverein war vor allem über den internationalen Vergleich der verschiedenen Gesellschaftssysteme (konservative Systeme sozialer Sicherung wie in Deutschland, liberale Wohlfahrtsstaaten wie die USA, familienorientierte Systeme wie in Italien und Spanien, ehemals kommunistische Staaten wie Polen und Ungarn, sozialdemokratische Systeme wie in Schweden usw.) erfreut. Erstmals konnte somit nämlich gezeigt werden, dass auch im angeblichen "Vorzeigeland weiblicher Berufs-Gleichberechtigung" - Schweden - geschlechtsspezifische Arbeitsteilung vorherrscht. So klar, so erstaunlich, dass sich der ÖGV offenbar darüber freut.

Mit der Studie sei erstmals klar bewiesen, dass es ein "globales Muster, nach dem Paare ihr Alltagsmanagement ausrichten", gäbe, kommentiert der Gewerbeverein das Ergebnis. Doch WAS will uns der ÖGV damit sagen? Dass es Zeit wird, die Hände wieder in den Schoss zu legen und den (natürlichen) Dingen ihren Lauf zu lassen?

So ein grober, eindeutig biologistisch motivierter Fehler in der Argumentation ist schon ziemlich peinlich: Denn dass junge Mädchen und Frauen mehrheitlich klassische "Frauenberufe" wählen ist klarerweise nicht mit bloßer "Freiwilligkeit" zu erklären, sondern hat genauso viel mit Erziehung, Selbstbewusstsein, dem Vorhandensein von Vorbildern und einem unterstützenden Umfeld zu tun. Es wäre für das Selbstbewusstsein von Frauen sicher nicht schlecht, wenn ihnen gleiches Geld für gleiche Arbeit zugestanden und nicht zuletzt klassische "Frauenberufe" finanziell und prestigemäßig aufgewertet würden. Wie das allerdings ohne wirtschaftliche und politische Maßnahmen erreicht werden soll, kann vermutlich beim ÖGV erfragt werden.

Das Frauennetzwerk-Medien lässt jedenfalls ausrichten, dass das Aufzeigen von Missständen nach wie vor Aufgabe von Politik und Medien ist, auch wenn es manchen stört. Wohl wahr. (freu)

22.05.2002

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ÖGV
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