Gewöhnung frisst Empörung auf

3. Juni 2002, 19:39
51 Postings

"Man spricht deutsch" in Kärnten - ein Kommentar von Heide Schmidt

Es wurde durchaus darüber berichtet, immerhin hat der Kärntner Landeshauptmann auch eine PR-Aktion daraus gemacht. Eigenhändig hat er auf einem Hebelkran stehend das Autobahnschild "Ljubljana" mit "Slowenien" überklebt. Man spricht deutsch!

Ich kann diese Aktion nicht einfach als Randthema oder gar nur als gewiefte Öffentlichkeitsarbeit abtun. Und ich will auch nicht in die Lethargie der Gewöhnung verfallen, weil wir das und Schlimmeres ja ständig über uns ergehen lassen müssen. Nicht so viel Aufmerksamkeit schenken, da geht man in die Falle! Ich sehe das nicht so und finde es einfach schlimm, dass sich nicht öffentliche Empörung breit macht über die letzte Beschädigung Österreichs durch den Landeshauptmann. Und um eine solche geht es.

Der Anlass für die Aktion ist noch in Erinnerung, nämlich das sogenannte Ortstafel-Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs und nun treffen zwei Dinge auch noch optimal zusammen. Der VfGH, der in seinem Bericht warnende Anmerkungen zu den Angriffen auf eine der wichtigsten Einrichtungen des Rechtsstaates macht, wird von Haider deshalb als "dumm und kindisch" bezeichnet. Und zugleich demonstriert er, was er vom Respekt vor der Zweisprachigkeit hält: Er verklebt demonstrativ einen slowenischen Namen mit einem deutschen Schriftzug. Das ist kein Relikt der Buberlpartie, das ist beklemmend. Der Koalitionspartner schweigt dazu und meint vielmehr, der Verfassungsgerichtshof habe mit seiner Warnung "unnötig dramatisiert".

Hier muss nichts mehr dramatisiert werden. Das Drama ist diese Koalition und es ist offenbar immer weiter steigerbar. Der nächste Akt erwartet uns schon. Da soll ein Eingriff in ein Grundrecht ohne Begutachtungsverfahren mittels Initiativantrag flott über die Bühne gehen. Und niemand wird sie bremsen. Speed kills. Welch' wahres Motto!

NACHLESE
--> Der nächste Angriff auf die Unschuldsvermutung - 2.5.2002
--> "Christliche" Heuchelei - 22.4.2002
--> In Zeiten wie diesen - 8.4.2002
--> Eine Frage des Respekts - 22.3.2002
--> Der private Landeshauptmann - 11.3.2002
--> Der Strafpfiff - 22.2.2002
--> Die Ablenkungsenquete - 8.2.2002
--> Regieren ist nicht Privatsache - 25.1.2002
--> Klartext, Herr Präsident! - 11.01.2002
--> Der verlorene Verfassungsbogen - 20.12.2002
--> Linke und rechte Moral? - 7.12.2002
--> Keine Details - welches Stück? - 22.11.2002
--> Autoritäre Reflexe und kein Ende! - 9.11.2002
--> Weitere Kommentare von Heide Schmidt, die in der Rubrik "Fremde Feder" erschienen sind.

"Fremde Feder" ist eine Kolumne auf derStandard.at für KommentatorInnen von außen.
Share if you care.