Vom Glück in den Städten

17. Mai 2002, 20:49
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Bogdan Bogdanovic zeigt, wie man Metropolen als Fußgänger "lesen" kann

Bogdan Bogdanovic gibt sich hier zuallererst als Poetologe der Stadt zu erkennen, auch wenn er daneben vieles andere betrieben und vorangetrieben hat in seinem Leben: als Architekt, Schriftsteller, Universitätsprofessor für Urbanistik, Bürgermeister seiner Geburtsstadt Belgrad (1982-1986) und - nicht zuletzt - als großer Liebhaber philosophisch theoretischer Texte, inbesondere der Antike, was seine Sichtweise nicht wenig geprägt hat. Ist er ein später Flaneur? Ein Wanderer durch die urbanen Zentren von San Francisco über Mannheim und Salzburg bis Tiflis und Pjönjang ? Ein Ethnograph, der im verborgenen Schnittmuster der Städte den sie hervorbringenden Zivilisationen nachspürt? Es wird immer wärmer, aber heiß ist es noch nicht.

Walter Benjamin hat über Franz Hessels Spazieren in Berlin geschrieben: "Als Einheimischer zum Bild einer Stadt zu kommen erfordert andere, tiefere Motive. Motive dessen, der ins Vergangene statt ins Ferne reist." Also ins Exotische, Pittoreske. Bogdan Bogdanovic verkörpert nicht die neuerliche "Wiederkehr des Flaneurs" (so der Titel von Benjamins Rezension 1929). Aber dass sich der alte Herr aus Belgrad sofort als Urbanist und eben nicht als Flaneur zu erkennen gibt, hat, wie es scheint, wenig mit dem unterschiedlichen Entwicklungsstand der Städte der Generation Benjamins oder Hessels zu der folgenden zu tun.

Bogdan Bogdanovics Erinnerung reicht sehr wohl weit in die Zeit vor dem 2. Weltkrieg zurück, auch in die Zeit von Hessels peripatetischen Reminiszenzen, dem "Echo von dem, was die Stadt dem Kinde von früh auf erzählt." (Benjamin) Es ist auch nicht der Ton, der Bogdanovics Erzählen davon zeitlich abrückte. Ganz im Gegenteil, sein Ton (nicht der Inhalt!) erinnert an eine Redeweise, von der man meinen könnte, sie sei mit Gregor von Rezzori verstummt: charmant, aber klug und hellhörig aufmerksam; unterhaltend, aber belesen und kenntnisreich; human und humanistisch, aber deswegen nicht frei von milder Ironie und, gegebenenfalls, von treffsicheren Worten gegen Barbarei unterschiedlichster Art.

Ästhetische Fragen haben hier eine ethische Qualität, denn in der Ästhetik - und diese Auffassung ist heute selten geworden - spiegelt sich grundsätzlich auch die Ethik der Mächtigen, des gesellschaftlichen Systems. Es ist seltsam: Die wie im plaudernden Selbstgespräch erzählten Städteporträts spielen natürlich die architektonischen und städtebaulichen Qualitäten (positive wie negative) in den Vordergrund, aber das als Orte des Wohnens und Lebens. Das heißt auch wenn Baukörper, Materialien und Proportionen, die Axiometrie einer Stadt, ihr Lageplan, ihre Erweiterungen (mithin auch ihre möglichen Zerstörungen) das Buch protagonisieren, so doch vor allem hinsichtlich ihrer Bedeutung für und ihres Einflusses auf die Lebeneswelt. Und die Städte werden lesbar als monumentale Allegorien auf vergangene, gegenwärtige oder utopische gesellschaftliche Entwürfe.

Aber das wird uns hier gewissermaßen leichtfüßig unterbreitet, und zwar nach der früh schon vom Autor entwickelten "Johnny Walker-Methode". - "Und ein bißchen auch [...][nach der] von Mister Pickwick, wenn man an die Ausdauer des Kundschaftens denkt." So auch der professionelle wie professorale Rat Bogdanovics an die eigenen Studenten. Aber - wie gesagt - für den Leser ist es ein leichtes, Schritt zu halten und ein heiterer Gewinn mitlesen zu dürfen, wenn Bogdan Bogdanovic in den vielen Städten liest, inklusive der Stadt, "zu der noch niemand gelangt ist", gleich, ob von Platon, Pythagoras oder Thomas Morus erdacht und erträumt.

(Von Martin Adel - Album, 18.05.2002)

Bogdan Bogdanovic, Vom Glück in den Städten. Aus dem Serbischen von Barbara Antkowiak EURO 20,50/ 238 Seiten. Zsolnay Verlag, 2002.

Hinweis: Bogdan Bogdanovic liest am 23. Mai um 19.30 Uhr im Antiquariat Buch & Wein (Schäffergasse 13a, 1040 Wien) aus dem besprochenen Band.

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