Dodo, der sanfte Riese aus Mauritius

19. Mai 2002, 20:00
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Warum er uns so fasziniert? - "Es war das erste Mal, dass Europäer in Realzeit beobachten konnten, wie ein Lebewesen ausstarb"

Lewis Carroll setzte ihm in "Alice im Wunderland" ein literarisches Denkmal, dabei hat schon er den Dodo nur aus Abbildungen gekannt. Als freundlichen, älteren Gelehrten im Frack hat er den zu seiner Zeit schon lange ausgestorbenen Riesenvogel aus Mauritius porträtiert.

Und freundlich muss er wirklich gewesen sein, der Dodo. Diese Erfahrung machten jedenfalls die niederländischen Seefahrer, die im Jahr 1598 auf der Insel Mauritius landeten und als erste über die dortige Flora und Fauna Bericht erstatteten: "Da die Insel nicht von Menschen bewohnt war, fürchteten sich die Vögel nicht vor uns und saßen still, sodass wir sie ohne Mühe totschlagen konnten."

Totgeschlagen wurden die Dodos, auch Dronten genannt, in der Folge von allen, die nach Mauritius kamen. "Wenn wir einen am Bein gefasst hatten, so schrie er, sodass die anderen zur Hilfe heraneilten und ebenfalls ergriffen werden konnten", heißt es in einem Bericht von 1669.

Schon wenige Jahre später, kurz nach 1670, war dann Schluss mit dem Erschlagen, Erstechen, Erschießen: Nur wenig später als ein halbes Jahrhundert nach seiner Entdeckung war der Dodo ausgerottet - und mit ihm eine der seltsamsten Tiergestalten, die jemals unsere Erde bevölkerten. Kein einziges Federpräparat des geheimnisvollen Vogels blieb erhalten, weltweit existieren nur einige wenige Knochenfragmente, und selbst den überlieferten Abbildungen ist nicht zu trauen: Wie der Schweizer Vincent Ziswiler 1996 im hochinformativen Katalog zu einer phänomenalen Ausstellung im Zoologischen Museum der Universität Zürich nachwies, zeichnete ein Künstler vom anderen ab.

Nahezu allen vorhandenen Dodo-Darstellungen liegt eine Abbildung aus dem Jahr 1626 zugrunde - und die zeigt keinen munteren, gesunden Dodo, sondern ein durch Fehlernährung und Käfighaltung verfettetes und deformiertes Jungtier. Der niederländische Wissenschafter Jan Hakhof hat denn auch 1994 den Versuch unternommen, nach gründlicher Analyse der Knochenreste und erhaltenen Bilddokumente das tatsächliche Aussehen des Dodos zu rekonstruieren - das Modell eines kompakten Laufvogels ist dabei herausgekommen.

Nun haben Wissenschafter der Universität Oxford und des Londoner Natural History Museums ein weiteres Geheimnis des Dodo gelüftet: das seiner Verwandtschaftsverhältnisse. Als "flugunfähige Riesentaube" wurde der Dodo immer bezeichnet, doch die zoologischen Beweise fehlten. Jetzt wurde durch den Vergleich von genetischem Material des Dodos mit DAN-Sequenzen von 37 anderen Taubenarten seine Zugehörigkeit zur Taubenfamilie zweifelsfrei nachgewiesen. Gewonnen wurde das Genmaterial aus einigen wenigen, kostbaren Überresten eines Dodo-Exemplars im Natural History Museum in London. Ebendort befinden sich ein Kopf mit Haut, ein Bein und ein Fuß - diese Relikte sollen auch Lewis Carroll einst zu seinem "Mr. Dodo" inspiriert haben.

Familienverhältnisse

Und die britischen Wissenschafter haben noch mehr herausgefunden: Die nächsten Verwandten des Dodo waren die Mähnentauben Südostasiens, die Krontauben Neuguineas und die Zahntauben auf Samoa - allesamt beeindruckend große und wunderschön gefärbte Vertreter der Taubenfamilie. Vor rund 42 Millionen Jahren hat sich die Art "Urdodo" abgespalten und flog zu den Mascarene Islands, einer vulkanischen Inselgruppe in Indischen Ozean. Dort entstanden der Dodo und der Solitaire, eine ebenfalls von den europäischen Seefahrern ausgerottete, flugunfähige Riesentaube, die auf der Insel Rodriguez beheimatet war.

Und wie hat der Dodo seine Flugfähigkeit eingebüßt? Warum wurde aus einem zwar kräftigen, aber durchaus flugtüchtigen Vogel ein plumper Riese, den die europäischen Kolonisatoren unter Gelächter mit leichter Hand abschlachten konnten? "In einer Insel-Situation haben jene Vögel, die die meiste Körpermasse bilden, bei der Paarung und im Kampf um ein Territorium Vorteile", erklärte Alan Cooper, einer der leitenden Wissenschafter des britischen Dodo-Forschungsprojekts im Interview mit der International Herald Tribune. "Brustmuskeln fürs Fliegen kosten viel Energie; ein Vogel kann auf diese Muskeln verzichten und stattdessen größer werden - das bringt ihm auf einer Insel rasch Vorteile."

Auch für die Faszination, die der Dodo seit jeher auf die Menschen ausübt, hat Cooper eine Erklärung: "Es war das erste Mal, dass Europäer in Realzeit beobachten konnten, wie ein Lebewesen ausstarb."

"Ausgestorben heißt für immer" - das ist die Botschaft des Dodo und weil das so eine zentrale, wichtige Botschaft ist, mag es durchaus angehen, an sie und ihren Überbringer am schönen Pfingstfest zu erinnern. Zwar wird der Heilige Geist immer in Gestalt einer weißen, zum Himmel flatternden Taube dargestellt, aber mit Sicherheit wehte er auch im Taubenvogel Dodo, der mit seinen kräftigen Beinen fest auf dem Erdboden stand, rund einen Meter hoch war und 12-15 Kilo wog.

"Selig die Sanftmütigen" heißt es in der Bibel. Demnach müsste es dem Dodo, dem sanften Riesen von Mauritius, in jener anderen Welt besser ergehen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. - 20. 5. 2002)

Von Andrea Dee
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    Der Dodo: natürlich ...

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    ... und literarisch

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