Der schräge Blick

21. Mai 2002, 11:04
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Visuelle Intelligenz, Denken und Kreativität, unser Bild von der Welt und wie wir es ändern können: Also um fast alles geht es in dem wunderbaren neuen Buch des Grafikers und Pentagram-Mitbegründers Alan Fletcher

Zivilisation ist bloß Chaos, das eine Pause macht. Ötzi ist mit Marie Mosely in Bournemouth verwandt. Farbe ist der Platz, wo unser Hirn und das Universum einander treffen. Fische sind die Letzten, die Wasser erkennen. Und so weiter: Egal welche Seite dieses Buches man aufschlägt, der Zitatenschatz quillt einem nur so entgegen, Weises und Witziges, Kompliziertes und Kritisches, Definitionen und Dekonstruktionen, Kluges und, ja, auch der gelegentliche Kalauer sind auf über 1000 Seiten von - The art of looking sideways - versammelt.

Worum geht es? Darum, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, wie unser Vorstellungsvermögen funktioniert, darum, wie visuelle Intelligenz zustande kommt und damit auch Denken und Kreativität; um unser kulturell geformtes Bild von der Welt und wie wir es ändern können. Also um fast alles.

Entsprechend viele bildliche Quellen hat Alan Fletcher, der britische Grafikdesigner und Mitbegründer der ruhmumrankten Designgruppe Pentagram, angezapft. Aus den Versatzstücken der Geschäftskultur, aus Kunst und Naturwissenschaften, aus scheinbar banalen Handzetteln und Kinderzeichnungen und unzähligen anderen Quellen ("dieses Adressbuch hab' ich in einem Hotel geklaut") schafft er ein Feuerwerk überraschender Querverbindungen - eben: - sideways - und Einsichten. Herausgekommen ist ein wunderbares Buch.

In den letzten Jahren ist gerade unter Sachbüchern eine Art Identitätskrise ausgebrochen: Es gibt immer mehr Neuerscheinungen, die wie dick gewordene Magazine daherkommen oder wie Kreuzungen aus Portfolios, Werbeschriften, Jahrbüchern und sonst was, sie wissen nur nicht genau was. Fletcher hat diese Tendenz auf die Spitze getrieben und damit eine paradoxe Klarheit geschaffen: Sein Buch beginnt buchstäblich auf jeder Doppelseite neu - und das ist "buchstäblich" gemeint: jeweils eine neue Typografie; dazu eine andere gestalterische Idee, immer wieder unterschiedliche Grundfarben, sogar die Haptik des Papiers ändert sich häufig. Als ob der Kreative zeigen wollte, was alles in 21,6 x 25,1 x 6,2 cm drinsteckt, komprimierte er das Panoptikum des visuell Möglichen in ein Print-Produkt, in dem die Form dem Inhalt folgt und umgekehrt.

Zum Beispiel auf den 14 Doppelseiten über die Bedeutung von Farben. Sie beginnen mit einem fast abstrakten, italo-trikoloren Landschaftsfoto von Franco Fontana, konterkariert von einem Paul-Klee-Zitat über unser Hirn und das Universum (siehe oben). Es folgen unter anderem: ein Exkurs über Farben in verschiedenen Sprachkulturen (aus dem man unter anderem lernt, dass die Inuit zwar beileibe nicht 100 Wörter für Schnee haben, die Italiener aber drei für blau); ein Essay von Fletcher über die emotionalen Assoziationen von Farbtönen; Tibor Kalmans berühmte Fotomontage von Königin Elizabeth als schwarze Herrscherin; Literaturpassagen (Tom Wolfe) und Zitate von Goethe über Hitler bis Picasso und Rem Koolhaas; optische Illusionen; farbtechnische Begriffe als Wort-Bild von Derek Jarman; Zeitungsausschnitte, Notizen, ein Plakat eines deutschen Sexshops ("Blue Movies in Full Color") und, um 90 Grad gedreht, "useless information", die spannender ist als die meisten Fragen aus Trivial Pursuit.

71 weitere "Kapitel" enthält - Die Kunst des schrägen Blicks -, der Verlag selber schrieb das Wort in Anführungszeichen. Denn natürlich sind Überschriften wie "Culture", "Mind", "Perception" oder "Words" nur sehr ungefähre Wegweiser in die beredte Anarchie von Fletchers - objets trouvés - . "What the hell is this?" fragte denn auch ein ratloser Amazon-Rezensent im Netz. Die meisten Reaktionen sind durchaus entschieden und heftig, gleichgültig lässt das Buch kaum jemanden. Eine Minderheit, die offenbar eine Art Lehrbuch erwartet hat, schimpft über die Ansammlung von "Anekdotalem und Unbrauchbarem". Platt vor Begeisterung sind dafür diejenigen, die keine Erwartungen hatten und sich nun darüber freuen, dass sie sehr wohl etwas lernen, und zwar in der effektivsten Weise: ohne dass da ein Lehrer vorne steht.

Wie viel man von der Lektüre hat und was genau, bleibt einem überlassen wie selten bei einem so komplexen Buch: Man kann es tatsächlich täglich neu und irgendwo anders aufschlagen; es löst den Anspruch ein, wie ein Netz zu kommunizieren und nicht wie ein lineares Regelwerk. Für jemanden, der Systematik erwartet, liegt darin wohl eine der Schwächen. Eine andere hat mit der Schwierigkeit zu tun, bei so viel Material aus so vielen Quellen in so vielen Sprachen stets präzise zu sein. Doch wenn einem ein gelegentlicher Übersetzungsfehler oder Ähnliches auffällt, dann doch nur als Negativfolie, vor der sich die Menge der ansonsten genauen Arbeit Fletchers abhebt. Um alles unterzubringen, schrumpft er die Schrift auch mal auf ein Millimeter Höhe und setzt sie womöglich blau auf schwarz. Keine grafische Heldentat, aber das ist auch schon alles, worüber man noch meckern könnte.

Unterm Strich ist eines jener bemerkenswerten Bücher entstanden, die in der Bibliothek einen besonderen Platz einnehmen, weil sie in kein bestimmtes Regal gehören: ein Grenzen überschreitendes, im besten Sinne eklektisches und, gemessen am Gewicht, nicht einmal besonders teures Werk. Dass Alan Fletcher auf die Gestaltung einen so großen Einfluss nehmen konnte, braucht nicht zu verwundern - er ist konsultierender Art Director des Phaidon Verlags. More, please.

derStandard/rondo/17/5/02

Michael Freund

Alan Fletcher
The art of looking sideways
EURO 41,40 / 1066 Seiten
Phaidon, London / New York 2001.
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