Leuchtstoff

21. Mai 2002, 10:52
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Kleiner, sparsamer und flexibler sollen sie sein, die Lichtquellen der Zukunft. Die LED-Technik ist eine Erleuchtung auf dem Weg dorthin

Seit einiger Zeit blickt die Designszene gebannt auf eine Hand voll kleiner Funzeln. LEDs (Light Emitting Diodes) heißen diese Sterne am Horizont der Lichtavantgardisten und sie sollen - Jahre nach der Niedervolt-Halogen-Revolution - die nächste große Ära im Leuchtendesign einleiten. Nachdem die Minifunzeln bereits seit lichttechnischen Ewigkeiten als Kontrolllämpchen in Elektrogeräten verwendet werden, konnten Wissenschafter den bunten Winzligen nun endlich auch ein machtvolles weißes Licht abringen. Heller als jede Glühbirne, bei achtzig Prozent weniger Stromverbrauch und einer geradezu spektakulären Kleinheit, die alle formalen Freiheiten erlaubt, - so sehen die großen Vorteile des Lichts des 21. Jahrhunderts aus.

"Mit LED haben wir wieder eine neue Chance, aus der Bürgerlichkeit auszubrechen, aus dem so genannten guten Geschmack, der so langweilig ist", sagt dazu etwa der Münchner Licht-Poet Ingo Maurer. Maurer, der mit der Entwicklung des frei verspannten Niedervolt-Halogen-Systems bereits in den Achtzigerjahren einen auf technischer Innovation basierenden Design-Coup landen konnte, zählt einmal öfter zu jenen Entwerfern, die das Potenzial des neuen Leuchtmittels frühzeitig erkannten.

Mit Bellissima Brutta, der "Hässlichen Schönheit", stellte er bereits 1997 erste Experimente mit der LED-Technik vor, die nun in privaten Sammlungen an Wert zulegen. Vom "ästhetischen Getöse", das die neuesten LED-Leuchten mittlerweile verursachen, hält Maurer indes nichts. Effekthascherei war seine Sache eben noch nie: Konsequent setzt er so auch bei LED auf die Kunst der Reduktion, auf das Weglassen all dessen, was nicht nötig ist, um zu "puren und ehrlichen Resultaten" zu gelangen.

Doch die gewohnte Bandbreite an Desing-Irrungen wird auch das neue Lichtmittel über sich ergehen lassen müssen. Zahlreiche (Licht-)Designer lassen sich den Namen der funkelnden Mini-Lichtlein mittlerweile genüsslich auf der Netzhaut zergehen. Dauerhafter, kleiner, funzeliger - so lautet die aktuelle Dreierwette. Was im Bereich der Leuchtröhren mit den nur 16 mm starken, filigran wirkenden T16-Leuchtröhren Furore machte - das gilt auch als große Stärke der neu entwickelten LED-Technik. Die winzigen Leuchtdioden, die heute auch weißes LED-Licht verströmen können, tauchen mittlerweile auf superflachen Leuchten-Prototypen auf oder machen bei Serienprodukten wie der Gelenkleuchte LED W (Hersteller: Ludwig-Leuchten) dank LED-Platinen Lampenfassung und Reflektor überflüssig.

Dazu lässt sich noch eine beachtliche Reihe von weiteren Vorteilen nennen. Leuchtdioden verfügen beispielsweise über eine UV- und IR-freie Strahlung, die sie für Museums- und Vitrinenbeleuchtung oder für medizinische Zwecke prädestiniert. Sie sind unempfindlich gegen Erschütterungen und damit auch bei rauerer Gangart und mobiler Verwendung ideal. Sollte es dennoch zum echten Crashtest kommen, dann steht man mit LED erst recht gut da. Da diese mit Schutzkleinspannung betrieben werden, besteht auch bei Defekten keine Lebensgefahr. In Feuchträumen oder gar unter Wasser schwimmt man mit LED daher immer obenauf. Geringe Wärmeentwicklung und Langlebigkeit komplettieren schließlich die beeindruckende technische Performance.

Zur vollen Anwendung und dem endgültigen LED-Durchbruch werde es aber erst in zwei Jahren kommen, mutmaßten Brancheninsider dieses Frühjahr im Umfeld der Mailänder Möbelmesse. Dann wird auch die Entwicklung von OLEDs - organischen Leuchtdioden - bereits einige Schritte weiter sein. Visionäre Prognosen lässt die in Zusammenhang mit LED häufig genannte Technik bereits jetzt zu. So könnten OLED-Folien in naher Zukunft wie Tapeten an die Wände geklebt werden - wahlweise als psychoaktive Raumleuchte oder als simpler Fernsehbildschirm. Birnen gibt's dann höchstens noch zum Dessert.

derStandard/rondo/17/5/02

von Robert Haidinger
  • Artikelbild
    www.ingo-maurer.com
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