Der Theaterangstmacher
Martin Kusej

19. Juni 2002, 23:27
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Einer der eigensinnigsten Regisseure des deutschen Sprachraums im Interview

Er ist einer der eigensinnigsten Regisseure des deutschen Sprachraums - und macht mit einer Inszenierung in Klagenfurt Station. Für Martin Kusej eine Art Heimkehr, wie er Ronald Pohl erzählt.


Klagenfurt - Das Paradoxon des Kärntner Regisseurs Martin Kusej besteht in der Synthese zweier widerstreitender Denkfiguren: Der Lehrersohn aus Ruden/Kärnten liefert in berechenbarer Folge unberechenbare, verstörende Theaterarbeiten ab. Im Gespräch beschreibt er seine Gefühle anlässlich der Heimkehr nach Kärnten. Zugleich freut er sich auf Don Giovanni bei den Salzburger Festspielen ("Die Zusammenarbeit mit Nikolaus Harnoncourt ist ein Glücksfall!") und bereitet einen Horváth (Glaube Liebe Hoffnung) für die Burg vor.

STANDARD: Heute hat im Stadttheater Klagenfurt Ihr Hamburger Edward II. Premiere. Damit schließt sich vorerst ein Kreis: Vor zehn Jahren wühlte Ihre Deutung von Schillers Kabale und Liebe die Gemüter der Kärntner auf. Zwischenrufer taten lauthals ihr Missfallen kund, rund die Hälfte des Publikums verließ türenschlagend den Saal. Welche Erinnerungen an diesen Abend, der am Anfang Ihrer Karriere stand, haben Sie zurückbehalten?



Kusej: Diese unheimlich starke Reaktion, in welche Richtung auch immer. Und es zeigt sich ja im Nachhinein, wenn man sich unter Kärntnern bewegt, dass diese Inszenierung ein Meteoriteneinschlag war. Kabale blieb ein Meilenstein in der Geschichte dieses Theaters, nach vorn wie nach hinten geschaut. Und so stelle ich mir die Folgen von Theater, sehr gut eingelöst, eben vor.

STANDARD: Die Erinnerung fällt also glücklich aus?

Kusej: Absolut.

STANDARD: Weil man heute eher unter der Indifferenz des Publikums leidet? Es will keine Farbe bekennen, um sich nicht zu blamieren?

Kusej: Darunter verstünde ich eher ein großstädtisches Phänomen. Mit Ausnahme des Stuttgarter Publikums verharren die Leute in Deutschland eher in einer blasierten, abwartenden Haltung. Vor allem in Hamburg, wo das Motto vorherrscht: "Macht halt mal! Haben wir aber alles schon gesehen!" Als würde man, als Produzent auf der Bühne, vorsätzlich damit spielen wollen. Aber das ist eigentlich völlig egal. Ich hab's gerne, wenn es große Leidenschaftlichkeit gibt; aber die ist in Österreich allemal garantiert.

STANDARD: Auch die kühlen Hanseaten fallen gelegentlich aus der Rolle. Der Hamburger Exoberbürgermeister Dohná- nyi fand Michael Thalheimers grausame, schneidende Hamburger Liliom-Inszenierung im gutbürgerlichen Thalia-Theater ganz furchtbar und rief etwas Grollendes in Richtung Bühne, etwa: "Das muss doch nun wirklich nicht sein . . .!"

Kusej: Das war perfekte Werbung für diese Inszenierung, die ich wirklich für sehr gut halte. Das folgt dem Schema von Reaktion und Gegenreaktion: Alles, was von einem verknöcherten Idioten in den Raum gerufen wird, muss womöglich als Beweis herhalten für die unbedingte Modernität des Produkts. Das funktioniert vice versa und stimmt somit auch wieder nicht.

STANDARD: Wobei es auch Teile des großbourgeoisen Publikums, das Ihren Salzburger Festspiel-Hamlet vor zwei Jahren sah, gegruselt hat: Da versagt die Trennung in städtisches und ländliches Milieu.

Kusej: Das ist doch das Prinzip der Sache, Verstörung hervorzurufen. Ich verstöre mich selber bei der Arbeit, und diese Energie wird an das Publikum weitergegeben. Es ist ja nicht so, dass ich bei meiner Arbeit extrem entspannt bleibe. Jede Frustration und auch die Angst im tiefsten Grunde, die ich herumtrage, bekämpfe oder zugebe in der Arbeit, schlägt sich so noch einmal nieder - weil ich stellvertretend für das Publikum arbeite. Insofern gibt es keine Spekulation mit dem Skandal, sondern der ist ein Nebenprodukt.

STANDARD: Das wirft die Frage auf, was Ihre eigenen Kriterien sind für das Gelingen oder Scheitern einer Produktion?

Kusej: Ehrlich gesagt und ohne mich selbst loben zu wollen: Für mich gibt es den Begriff des Scheiterns nur in sehr begrenztem Maße. Sehr schwierige Arbeiten, wie etwa mein Richard III. an Frank Castorfs Berliner Volksbühne, sind nicht wirklich gescheitert, sondern haben sich behauptet gegen sehr widrige Umstände - das war zum Beispiel eine Qualität damals, '97, überhaupt eine Premiere zustande zu bringen. Zweitens heißt Scheitern in dem Sinne auch immer Lernen, und von daher gibt es für mich ein Scheitern nicht. Ich bin immer glücklich und zufrieden, und meine Lieblingsinszenierung ist die, die ich gerade hinter mich gebracht habe. Schlussendlich glaube ich, mit Konstanz ein gewisses Niveau gehalten zu haben über die zehn Jahre.

STANDARD: Aber Sie stehen mit 41 Lebensjahren doch in der Blüte Ihrer Jugend. Ist es für Rückblicke dieser Art nicht noch zu früh?

Kusej: Ich mein' ja nur: Ich habe noch keine totale "Brezen" gerissen über all die Jahre. Nun kann man sagen, das eine war besser oder schlechter - aber keine einzige Granate darunter. Kein Totaleinbruch.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.05. 2002)

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