Ein groteskes Horrorkabinett

11. Juni 2002, 21:52
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Franzobel-Oper "Weils Kind schlafen will" in Linz

Reinhard Kannonier

Linz - Wenn im Finale auf dem Schlachtfeld des Sanatoriums von Kaltleutgebern die Fremd-und Selbstermordeten vom Tod in Gestalt eines Mädchens Papiertüten über die Köpfe gestülpt bekommen, gemahnt die Szene an ritualisierte Todeszeichen, wie sie Mafia-Mörder gerne am Tatort hinterlassen. Solche Zeichen waren damals, in den späten 80er-Jahren, am Tatort Lainzer Krankenhaus nicht hinterlassen worden. Es dauerte viele Jahre, bis die "Todesschwestern" enttarnt werden konnten. Und das Gestrüpp an Geld- und Geltungssucht, an hierarchischen Zwängen und sozialen und psychischen Dornen wird wohl für immer im Halbdunkel bleiben.

Zweifellos genug Stoff jedenfalls, der den Hamburger Komponisten Christoph Coburger und Sprachkünstler Franzobel dazu animierte, an diesem Albtraum zu werken. Heraus kam die Oper "Weils Kind schlafen will", die gewissermaßen in einem doppelten Zwei-Stufen-Verfahren das grausige Sujet aus den Tiefen der (Sozial)psychologie sprachlich, musikalisch und szenisch in ein mehr oder weniger groteskes Horrorkabinettchen hebt.

Auf Stufe eins bewegen sich Libretto und Musik - zuweilen allerdings gegeneinander. Coburger gelang es nur teilweise, das Stakkato der Franzobelschen Sprache und deren groteske Verwindungen musikalisch aufzunehmen oder zu konterkarieren. Die Mittel, die er verwendete, kommen zwar aus einer prall gefüllten Werkzeugkiste (Neue Musik, Rockgitarre, Banjo mit Westernklang, Bläserkaskaden, Streicherkantilenen), können aber nicht zu einem Ganzen zusammenfinden.

Die kompositorischen Gedanken zwischen manch berührenden Momenten oder klug aufgebauten Steigerungen sind zu langatmig und zu linear gesponnen. Außerdem ist der Text fast durchwegs unverständlich. Auf Stufe zwei, der Inszenierung von Andrea Schwalbach und der Bühne von Anne Neuser, wird die Spannung zwischen Grauen und Groteske nochmals verengt. Plakative Klischees (Strenge-Kammer-Gelüste des Arztes, brabbelnde Alte im Rollstuhl, Schwester zwischen Geilheit und Leid) und eine einfallslose Raumlösung (schon wieder ein schräg gestellter Raum) decken subtilere Momente gnadenlos zu.

Ingo Ingensand führte Orchester und Sänger mutig durch das musikalische Patchwork. Cheryl Lichter, William Mason, Barbara Payha, Leopold Köppl, Althea Bridges, Lars Lettner und nicht zuletzt Doris Pilz als "Tod und Mädchen" sangen mit großem Einsatz.

(DER STANDARD, Print, 15.05.2002)
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