Kinder werden nur als Problem wahrgenommen

14. Mai 2002, 17:25
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Aktion Leben und Kinderfreunde: Wünsche gegen den Babyschwund

Wien - Die Zahl der Neugeborenen in Österreich sinkt. der STANDARD befragte zwei ideologisch gegensätzliche Vereine, was sie sich von der Politik gegen den Kinderschwund wünschen würden.

"Vergessen Sie nicht Ihre Träume", heißt es auf der Homepage der "Kinderfreunde", und: "Auch Sie waren Kind". Um die bereits 1908 gegründete SP-Vorfeldorganisation ist es in den letzten Jahren stiller geworden. "Kinder und Jugendliche werden immer nur dann wahrgenommen, wenn etwas passiert - siehe Erfurt", bedauert Waltraud Witowetz-Müller, Bundesvorsitzende der Kinderfreunde, im Standard-Gespräch. Ansonsten sei die Lebenssituation von Kindern kein Thema. In Österreich herrsche ja nicht einmal gesellschaftlicher Konsens darüber, dass es dem Nachwuchs nicht schade, spätestens ab dem dritten Lebensjahr einen Kindergarten zu besuchen. Diese Institution werde vorwiegend aus dem Blickwinkel der Betreuung und kaum als Bildungseinrichtung betrachtet. Witowetz-Müller wünscht sich den Ausbau der Betreuungseinrichtungen - und zwar nach bundeseinheitlichen Standards. Die Kinderfreunde loben auch regelmäßig familienfreundliche Firmen, müssen jedoch ernüchtert feststellen: "Gewinnmaximierung gilt als höherer Wert."

Die Aktion Leben berät Frauen im "Schwangerschaftskonflikt". Das radikalkatholische Image hat der seit 1954 existierende Verein längst abgeschüttelt. Geschäftsführerin Gertraude Steindl berichtet von den Problemen ihrer Klientel: Sorgen, ob man mit Baby finanziell auskommen kann, Wohnungs-, und Jobnot, ein Partner, der sich "aus der Verantwortung geschlichen hat". Dass die Kinderzahl im Vorjahr so stark gesunken ist, wundert Steindl nicht. Zuerst sei das Sparpaket gekommen und dann ein Kindergeld mit "extrem schlechter Presse". Der Effekt: Verunsicherung. Grundsätzlich begrüßt die Aktion Leben ein Betreuungsgeld - wünscht es sich aber ohne Bindung an die Familienbeihilfe, ohne Zuverdienstgrenze und insgesamt höher, "mindestens das Existzenzminimum". Steindl befürwortet Wahlmöglichkeiten für Frauen, was auch bedeute, jene nicht zu verunglimpfen, die "zwei, drei Jahre" bei den Kindern bleiben wollen. Das habe rein gar nichts mit "hinter den Kochtopf locken" zu tun.

Die Aktion Leben laboriert noch immer an den Folgen der hitzigen Abtreibungsdebatte aus den Siebzigern. Von radikalen Gruppen, die die Abtreibung bestrafen wollen, distanziert man sich daher auf der Homepage klar. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 15.5.2002)

Martina Salomon
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    foto: photodisc
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