Kindheitsforscherin zu Österreich: "Pädagogisches Steinzeitstadium"

14. Mai 2002, 10:36
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Donata Elschenbroich darüber, was japanische Knirpse im Kindergartenalter europäischen Kindern voraus haben

Schon lange vor Pisa hat Donata Elschenbroich internationale Vergleichsstudien erstellt. Sie führten die Spezialistin für vergleichende Kindheitsforschung auch nach Japan. Sie habe dort "mit bloßem Auge" gesehen, was japanische Knirpse im Kindergartenalter europäischen Kindern voraus haben, berichtet die 57-Jährige: "Sie spielten konzentrierter, ausdauernder, strahlten große Energie aus", erinnert sich Elschenbroich. "Die Fünfjährigen von damals sind heute die erfolgreichen Schülerinnen und Schüler der Pisa-Studie."

In Deutschland und Österreich ortet Elschenbroich dagegen ein "pädagogisches Steinzeitstadium". Das "beinahe unerschöpfliche Potenzial der Vorschulkinder" sei "jahrzehntelang unterschätzt" worden. "Eltern haben ihre unangenehmen Schulerfahrungen - das ständige Belehrtwerden - ihren Kindern ersparen wollen und dabei den eigenen grauen Bildungsschatten auf die Nachkommen geworfen", hat Elschenbroich beobachtet.

Kindheit wissensfrei

"Unter glücklicher Kindheit konnte man sich nur eine möglichst frei von Wissen und Lernen vorstellen", sagt die Forscherin zum STANDARD. "Aber das nimmt den Kindern die Chance, früh ein positives Selbstkonzept zu entwickeln wie: Ich bin ein Forscher, ich bin ein Erfinder, ich bin musikalisch!"

Ausnahme in Europa sei einzig Italien, da existiere "das Bild des Erziehers als aktiver Bildungsbegleiter". Schon Sigmund Freud befand die Intelligenz der Kinder im Vorschulalter für "charakteristisch". Nie sei Neugier und Lust am Forschen und Experimentieren so groß wie in der Lebens-phase, die mit dem siebten Jahr endet.

Elschenbroich nennt Vorschulkinder daher "hochtourige Lerner" mit schier unersättlichem Wissensdurst, "Autodidakten, Problemlöser", die völlig "unterfordert" seien. "Meiner Meinung nach wird Kindern viel Weltwissen vorenthalten, weil es als nicht kindgerecht eingestuft wird."

Gerade in Österreich gäbe es kaum Interesse an der Intensivierung der Vorschulbetreuung. So gewinnen die unter siebenjährigen Buben und Mädchen keine "Sicherheit im Weltumgang".

Drei Jahre lang war Donata Elschenbroich rund um den Globus unterwegs, um sich mit Eltern, Lehrern, Entwicklungspsychologen, Hirnforschern und anderen Experten darüber auszutauschen, was Kinder bis zum siebten Lebensjahr in der jeweiligen Kultur erfahren.

Ihre Intensivstudie umfasst alle lebenspraktischen, kognitiven, sozialen und motorischen Kategorien. In ihrem Buch "Weltwissen der Siebenjährigen" (Verlag Antje Kunstmann, München, 16,90 Euro) hat Elschenbroich ein Regelwerk für die frühen Lebensjahre erstellt. "Einen Nagel einschlagen, eine Wunde versorgen können, Jahresringe am Baumstumpf gezählt, aber auch einmal ein chinesisches Zeichen geschrieben zu haben" - das gehöre, neben anderem, unbedingt zur frühen Bildungserfahrung.

Reisen bildet Kinder

Aber die Erzieher und Erzieherinnen in den Kindergärten seien für diese Elementarpädagogik nicht ausgebildet. Die "vorschulische Fachszene" müsse dringend verbessert, Preise für gute Projekte mit Vorschulkindern ausgelobt werden. Elschenbroichs originellster Vorschlag: Kindergärten-Teams auf Bildungsreisen schicken, dabei Städtepartnerschaften nutzen. "Da reisen meist nur die Bürgermeister!"

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 5. 2002)

Von Roland Mischke
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    foto: photodisc
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