"man stirbt ja früh genug . . ."

12. Mai 2002, 20:06
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Krems erinnert an den Dichter Ernst Herbeck, der wegen Schizophrenie jahrzehntelang hospitalisiert war

Jahrzehntelang war Ernst Herbeck wegen Schizophrenie hospitalisiert. Durch Anregung Leo Navratils schrieb er Gedichte, die zu den Höhepunkten österreichischer Lyrik zählen. In Krems erinnert nun eine Ausstellung an den Dichter.


Krems - Ernst Herbeck ist einer jener inzwischen legendären "Gugginger", die auf Anregung ihres ärztlichen Betreuers Leo Navratil im N.Ö. Landeskrankenhaus für Psychiatrie Klosterneuburg Kunst produzierten. Ernst Herbeck zeichnete nicht nur, er verfasste zu Stichworten auch Texte. Anders als Johann Hauser, der heute bekannteste der Gruppe, der weder lesen noch schreiben konnte, hatte er eine abgeschlossene Hauptschulbildung, ergänzt von einem Jahr Handelsakademie. Durch eine Gaumenmissbildung auch nach mehreren Operationen schwer sprechbehindert, hatte er als Speditionsgehilfe gearbeitet, bevor die dritte Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus 1946 zur Dauerhospitalisierung führte.

Die Kunsthalle Krems widmet jetzt dem Dichter eine vorbildlich und nobel gestaltete Ausstellung, mit Autografen, Erstausgaben, Zeichnungen und Fotos bestückt. Leo Navratil stellte Herbecks Texte zum ersten Mal 1966 vor, in dem dtv-Band Sprache und Schizophrenie, Hanser veröffentlichte Alexanders poetische Texte ein Jahr nach der ersten Ausstellung der Gugginger in Msgr. Mauers Galerie St. Stephan, weitere Bände mit "ausgewählten Texten", in denen bereits Ernst Herbeck namentlich als Autor auftrat, folgten bei dtv und im Residenz Verlag.

Der Psychiater war die Muse, die ein verborgenes Talent weckte und unermüdlich hegte, die Inspiration war ein vorgegebener Titel. Herbecks Entmündigung wurde aufgehoben, er übersiedelte in ein Pensionistenheim, stand also ,auf eigenen Füßen', doch nach einem Jahr kehrte er wieder zurück, aus Sehnsucht nach der Geselligkeit, der Kommunikation, die ihm im Gugginger "Haus der Künstler" geboten wurde.

Herbeck - welch ein Dichterleben! Der deutsche Doku-Dramatiker Heinar Kipphardt (In der Sache J. Robert Oppenheimer) hat es für seinen Roman März ausgewertet. Kipphardt, der selbst als Arzt der Fachrichtung Psychiatrie ausgebildet war, fügte Herbecks Texte in seinen Roman ein, ohne den Autor zu nennen, auf Navratils Intervention überwies er 500 DM als Dank für geleistete Inspirationsdienste.

In der Kremser Ausstellung sind Tafeln mit den Gedichten den einzelnen Autografen zuordnet. Herbecks eigene Zeichnungen kann man mit jenen seines Freundes Oswald Tschirtner vergleichen, die einzelnen Publikationen und die Übersetzungen (in sechs Sprachen, darunter Japanisch und Ungarisch) dokumentieren das weltweite Interesse an Herbeck, dem übrigens auch W. G. Sebald Elogen verfasst hat. Im Residenz Verlag ist zur Ausstellung ein Buch erschienen, ob die hier abgedruckten Texte Herbecks alle bisher unveröffentlicht waren, darauf fehlt - leider - jeder Hinweis, ebenso wie ein genauer biobibliografischer Apparat.

Herbeck selbst hat nie spontan etwas niedergeschrieben, nie etwas korrigiert oder ausgewählt. Vor allem weil die neuen Texte im Vergleich mit den früher veröffentlichten etwas flach anmuten, muss man annehmen, dass Leo Navratil seinerzeit sehr wohl ausgewählt hat - aber nach welchen Kriterien?

"Die Wahrheit ist das halbe Leben. man stirbt ja früh genug ... in der Familie wird man angelogen. Und die Mutti meint es gut. So ist es.", dichtete Ernst Herbeck zum Stichwort "Wahrheit".

Die Ausstellung wird hoffentlich das einst so große Interesse an dem Gugginger Dichter wiederbeleben. Herbecks Texte - nicht alle, zwei Dutzend vielleicht - gehören jedenfalls zum Besten der österreichischen Lyrik in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 5. 2002)

Von
Paul Kruntorad


kunsthalle.at

Bis 18. August
  • Als 26-Jähriger wurde Ernst Herbeck (1920-1991) dauerhopitalisiert. Seinem Werk widmet die Kunsthalle Krems eine Ausstellung
    foto: kunsthalle

    Als 26-Jähriger wurde Ernst Herbeck (1920-1991) dauerhopitalisiert. Seinem Werk widmet die Kunsthalle Krems eine Ausstellung

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