Triumph über die szenische Schwerkraft

12. Mai 2002, 19:42
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Enthusiastischer Jubel für Monteverdis "Il Ritorno d'Ulisse in Patria" am Theater an der Wien

Zum vom Publikum enthusiastisch bejubelten Auftakt der diesjährigen Wiener Festwochen wurde am Samstag im Theater an der Wien Claudio Monteverdis "Il Ritorno d'Ulisse in Patria" in einer Produktion des Festival d'Aix-en-Provence.


Wien - Wie schön, dass der frische Festwochenwind diesen Ulisse, der seit bald zwei Jahren zwischen Bordeaux, Lausanne, Paris, Caen und London durch Europas Opernmeere kreuzt, wenigstens für zehn Tage auch auf den Naschmarkt wehte. Wie schade aber zugleich, dass nicht das gegenwärtig wieder einmal hoch im Diskurs stehende Theater an der Wien seine Heimat ist, sondern die sonnenflirrende Cézanne-Stadt Aix-en-Provence.

Einerlei. Hat dieser bald dreieinhalb Jahrhunderte alte Opernheld mit seinem mediterranen Elan eigentlich nur einen einzigen Abend gebraucht, um mit unnachahmlicher Grazie und bezwingender Schlüssigkeit fast alles über den Haufen zu singen, zu spielen, zu tanzen, was sich hierzulande auf den Opernbühnen mit sklerotischer Schwerfälligkeit bläht und plustert und ästhetischen Belang anmaßt. Solange dieser Ulisse am Naschmarkt ankert, darf sich die Opernmetropole Wien höchstens als das Pompeji des Musiktheaters fühlen.

Idee statt Opulenz

Bleibt nur zu hoffen, dass es möglichst wenige der budgetverantwortlichen Politiker in diese brillanten Monteverdi-Aufführungen verschlägt, denn sie bieten "armes Theater" im reichsten Sinn. Mit einem Nichts an Requisiten, mit 15 Instrumentalisten im Orchestergraben, dafür aber mit einem schier unerschöpflichen Maß an Ideen, an Disziplin und in den zweieinhalb Stunden Spieldauer niemals nachlassendem unschuldsvollem Elan entsteht hier nicht Musiktheater, sondern erwacht Musik zum Leben. Erlebt die Renaissance ihre Renaissance.

Geist der Tragödie

In der anhaltend harmonischen Kongruenz zwischen Musik und Szene erfüllt diese Produktion nicht nur Claudio Monteverdis ästhetische Maximen, sondern lässt den Geist der griechischen Tragödie ahnen, den die frühe europäische Oper zu wecken versuchte. Wort, Musik und Geste ergänzen sich in der Inszenierung von Adrian Noble, seines Zeichens Leiter der Royal Shakespeare Company, beinahe in jeder Geste neu zum Gesamtkunstwerk.

Die kaleidoskopischen Wechsel von Klängen, Wörtern und Gebärden entfalten einen Zauber, in dessen Bann nicht mehr so ganz klar ist, was nun wirklich wodurch bewirkt wird. Entspringt alles, was sich auf der von Anthony Ward mit wenigen erdbraun bis sonnengelb gefärbten Elementen bestückten Bühne abspielt, aus dem Text oder aus der Musik oder gar aus den Emotionen der Darsteller?

Auslöser des Geschehens ist freilich die vom 15-köpfigen Ensemble Les Arts Florissants unter William Christie mit vorbildlicher Zurückhaltung gespielte und durch Lauten, Gamben und Dulcian in buntesten Farben schnurrende, summende, singende und quäkende Musik.

Die unschuldsvolle Selbstverständlichkeit, mit der sie menschliche Emotionen zeichnet, macht Adrian Noble zur Maxime ihrer szenischen Umsetzung. Gleich zu Beginn verrät die erwähnte Unschuld freilich auch ein Höchstmaß an raffinierter Delikatesse: Im alegorischen Vorspiel nämlich, wenn Rachid Ben Abdeslam mit bravourös geführtem Countertenor den Part der L'Humana Fragilità singt und durch seinen Nacktauftritt im lichtdurchflackerten Halbdunkel aber gleichzeitig jeglichen allfälligen Verdacht entkräftet, ein Morgenländer könnte nur nach dem bewussten chirurgischen Eingriff so glockenhell singen.

Zentrale Gestalt dieser Aufführung ist freilich Marijana Mijanovic als Penelope. Sie verleiht der Musik Monteverdis Körper. Sie ist Klang. Sie ist Emotion. Sie ist "dramma per musica". Sie spielt es nicht. Nicht nur durch ihren mit einem ganzen Kosmos an Farben aufwartenden Sopran, auch durch die Meisterschaft, mit der sie Monteverdis epischen Gesangstil realisiert. Und vor allem in der konsequenten Askese, mit der sie sich (wie auch das übrige, überwiegend junge Ensemble) jeglicher Bewegungsschablone enthält.

Eine Tugend, die man offenbar an der Académie européenne de musique d'Aix-en-Provence lernt, deren Mitglieder alle Akteure ausnahmslos sind. Wie Kresimir Spicer als Ulisse und Cyril Auvity als dessen Sohn Telemaco, Katalin Károlyi als Magd Melanto, die Penelope zur Erhörung der Freier überreden will. Letztere wieder erhalten von Bertrand Bontoux, Christophe Laporte und Andreas Grisler individuelle Kontur. Und Robert Burt als burlesker Vielfraß Iro entlockte dem Publikum sogar mehrmals spontanen Szenenapplaus.

Jubel ohne Ende

Wie überhaupt das Wiener Meisterstück dieser Produktion in ihrer Wirkung auf das Publikum bestand: Fuhr doch in diese - wie stets zu solch exponierten Anlässen - wie von Madame Tussaud mit viel Bedacht und Fingerspitzengefühl zusammengesetzte Nobelsozietät plötzlich so jugendfrisches Leben, wie es die Bühne den ganzen Abend hindurch erfüllt hatte, und der Applaus wollte kein Ende nehmen. Was man so gut verstehen konnte, wie das schöne Spiel zuvor.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 5. 2002)

Von
Peter Vujica

  • Artikelbild
    foto: festwochen/carecchio
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