Nietzsche beim Mokka

11. Mai 2002, 00:59
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Luzide Schmähung des Literaturbetriebs: Alfred Goubrans "Pöbelkaiser"

Es ist schön und hierzulande rar, wenn ein kluges Buch erscheint, und alle nehmen es aufgeregt zur Kenntnis. Es bleibt dies sogar schön, wenn der Autor aufregungsfördernderweise den bewährten Zirkustrick angewendet hat, in seinem Buch ein paar Promis des Kulturlebens zu beleidigen. Solche Promis sind als Bedeutungsträger innerhalb eines regional-hermetischen Betriebs natürlich dankbare Ziele von Beleidigungen, denn entweder sind sie tatsächlich beleidigt, oder sie sind es nicht, aber die in der zweiten und dritten Reihe gehen wenigstens davon aus, dass sie es sind.

Alfred Goubrans Schmähschrift Der Pöbelkaiser oder Mit den 68ern ,Heim ins Reich' (in dem ein schwaches Dutzend Bedeutungsträger eher nebenbei beleidigt wird) scheint einerseits zu gelungen, um Zirkustricks zu brauchen. Andererseits ist der Literaturbetrieb in den vergangenen Wochen mit derart Pawlowscher Verlässlichkeit in Goubrans Promi-Falle getappt, dass damit nur ein weiterer Beweis erbracht wurde, wie dringend wir Bücher wie den Pöbelkaiser brauchen. Dieser Literaturbetrieb: nur eine Behauptung? Die Luft, die wir atmen dürfen, ist dünn, knapp bemessen der Boden, auf dem wir stehen. Kulturpolitiker verkleiden sich als Dichter und eröffnen Messenschwerpunkte. Und gewisse Exponenten der Literatur erscheinen verlässlich in gewissen Medien, wenn gewisse Themen nach ihnen schreien.

Alfred Goubran fasst seine Kritik dieses Betriebs, dem alles Treibende, jede Dynamik abgeht, in Form eines Briefs. Dessen Schreiber sagt einem namenlosen Herausgeber die Teilnahme an einer "Widerstands"-Anthologie ab und holt zu diesem Zweck zu einem geschliffenen Rundumschlag aus. Alfred Goubran besitzt etwas Seltenes, nämlich literarische "street credibility". In seiner ein Jahrzehnt andauernden Verlegertätigkeit hat der Enddreißiger in der edition selene zwei Bachmannpreisträger angewärmt, deren eine Hälfte noch immer dort publiziert. Andererseits ist der Verlag auch sperrigeren, anderswo vernachlässigten Zeitgenossen wie Stefan Alfare und dem kürzlich verstorbenen Christian Loidl zur Familie geworden. Dies alles mit der geringstmöglichen Förderung durch Kultur, Politik und Kulturpolitik.

Goubrans Respektlosigkeit dem Establishment gegenüber ist also eine, wie man österreichisch sagen muss, wohlerworbene. Und sie ist vergnüglich: Des Verlegers Argumentation nivelliert die Differenz von Regierung und Opposition, beider Köpfe sind ihm bloß Exemplare einer amorphen und seltsam unsterblichen "Bürgerkreatur", im Augenblick von einstigen Revolutionären verkörpert, den 68ern eben. Als Bürgerkreatur aber, so Goubran, gleiche der Kanzler oder das einfachste Mitglied der nationalsten Partei dem Groß-Schriftsteller auf der nur scheinbar anderen Seite: "Sie haben ja heute nur die Wahl, mein Herr, sich entweder von Leuten regieren zu lassen, die keine Pubertät gehabt haben, oder von solchen, die aus der Pubertät nie herausgekommen sind." Konflikte zwischen den Lagern seien Scheingefechte, dahinter erneuere und verhärte sich die "Organisation" der Bürger, deren Ziel totale Verregelung allen Lebens sei. Begleitet werde all das vom immer gegenwärtigen Meinungsterror des Betriebs. "Einer, der keine, der nicht einmal eine Meinung zu jedem und allem hat, von dem er nichts weiß, gilt doch nichts in der Bürgerkreaturgesellschaft. Das ist Konsensverweigerung. Und die wird mit Vereinzelung bestraft."

Natürlich ist Goubran auf den Hängebrücken seiner Kausalitäten hoch paranoid unterwegs. Gottlob. Recht hat er. Gepaart mit Zynismus kann Paranoia etwas richtig Luzides haben. Und der Pöbelkaiser ist voll von Zynismus (über den Drach geschrieben hat, er sei nur ein Anwendungsfall der Ironie). Gegen Ende der 160 Seiten wird Goubran übrigens in Ton und Inhalt melodischer. Einige Sequenzen lang verlässt er die quälende Zielscheibe kultivierter Bürgerlichkeit, des "Ungelebten", in Richtung eines nur angedeuteten Auswegs aus dem System. Gerettet ist derjenige, der Herr seiner Zeit bleibt. "(...) weil die Zeit als Lebenszeit einmal von einzelnen nicht zu lösen und nicht loszukriegen ist, muß die Bürgerkreatur versuchen, den Einzelnen von dieser seiner Zeit zu lösen."

Hier, so der Autor des Pöbelkaisers, setze der wahre Widerstand ein. Auf einmal schwebt der Text jenseits dieses bleischweren "Betriebes" in einer anderen Sphäre, in der es gut nach Nietzsche riecht. Der pflegte in seinen Publikationen ja auch Zeitgenossen zu beleidigen. Wagner war jahrelang sauer. Und die anderen auch, die man heute nicht mehr so kennt. (Von Ernst Molden - Album, 11.05.2002)

Alfred Goubran, Der Pöbelkaiser oder Mit den 68ern ,Heim ins Reich'. EURO 19,50/176 Seiten. Residenz, Salzburg 2002.

Ernst Molden, geboren 1967, lebt als Musiker und Schriftsteller in Wien. Sein letzter Roman "doktor paranoiski" ist Ende vergangenen Jahres bei Deuticke erschienen. Leserbrief schreiben Bücher

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