Vom Großfürstentum zum Nationalbewusstsein

20. Oktober 2003, 12:35
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Litauen teilte die Geschicke Polens: bei den Teilungen kam es zu Russland. Der erwachende Nationalismus strebte - in wachsendem Gegensatz zu den Polen - einen Staat der Litauer an.

Litauen war auch noch für die Menschen des 17. und 18. Jahrhunderts kein ethnisch-nationaler Begriff, sondern immer noch das alte Großfürstentum, in dem zur Zeit seiner größten Ausdehnung die eigentlichen Litauer nur rund zehn Prozent der Bevölkerung ausmachten. Es war dieses Litauen, zu dem sich der polonisierte oder polnische Adel, der hier seine Güter besaß und der zu einem beträchtlichen Teil im Nordwesten des Großfürstentums beheimatet war, bekannte. Formell war Polen-Litauen zwar ein Königreich, aber beherrscht wurde es durch die Adelsoligarchie - und als diese anarchische "Republik beider Nationen" wurde es in der Zeit des Absolutismus und der wachsenden Zentralisierung ein anachronistischer dem Untergang geweihter Fremdkörper in Europa.

Das alte Litauen war ein religiös tolerantes Land, in dem auch die Gegenreformation keine extremen Formen annahm und die orthodoxe Kirche trotz polnisch-katholischer Unionsbestrebungen weiterbestand. In Vilnius wuchs auch eine große jüdische Gemeinde heran, deren Talmudschule zu einem geistigen Zentrum des Ostjudentums und der jiddischen Literatur wurde.

Die Teilungen Polens 1772 und 1793 brachten große Teile des Großfürstentum unter russische Herrschaft. Als Tadeusz Kosciuszko im polnischen Freiheitskampf auch die Litauer zum Kampf gegen die Truppen Katharinas II. aufrief und den Bauern Reformen versprach, erhoben sich im April 1795 auch Litauer unter Jakub Jasinski. Nach verlustreichen Kämpfer eroberte die russische Armee im August Vilnius. Bei der dritten Teilung Polens fiel das litauische Kerngebiet an Russland, ein kleiner Teil von Südlitauen westlich des Memelflusses, die so genannte Suwalkia - um die Stadt Suwalki/Sudauen - kam zuerst zu Preußen, dann wurde sie dem von Napoleon ins Leben gerufenen Großherzogtums Warschau zugeschlagen und 1815 als Teil Kongresspolens russisch.

Die Wiedereröffnung der Universität Vilnius durch Kaiser Alexander I. 1803 fiel mit dem Geist des romantischen Besinnens auf Sprache, Brauchtum und Folklore zusammen, und so wurde die Universität zur Geburtsstätte der "lituanistischen Bewegung". Polnische Kleinadelige begeisterten sich für die Volkskunst, Geistliche weckten das Nationalbewusstsein in den bäuerlichen Schichten, Dichter sammelten Volkslieder und begannen in litauischer Sprache zu schreiben, Historiker suchten Zeugnisse der großen Vergangenheit Litauens.

Die Universität wurde aber auch ein Zentrum des polnischen Widerstandsgeistes. Im Aufstand von 1830/31 waren Kaunas und Vilnius zeitweise in der Hand der Rebellen. Die meisten erhofften ein neues Königreich Polen, aber manche dachten auch schon an einen litauischen Nationalstaat. Die nach der Niederschlagung des Aufstandes erfolgte Schließung der Universität war ein Rückschlag, aber der Freiheitsdrang blieb wach. Noch härter waren die Strafmaßnahmen nach dem Aufstand von 1863/64. Es gab Repressalien gegen die katholische Geistlichkeit, der Druck litauischer Bücher in Lateinschrift sowie deren Einfuhr aus Deutschland wurden verboten, das Schulwesen wurde russifiziert, russische Kolonisten wurden ins Land geholt.

Viele Litauer entzogen sich der russischen Zwangsherrschaft und den tristen wirtschaftlichen Verhältnissen durch Auswanderung nach Amerika. Da im Land politische Betätigung verfolgt wurde, entfalteten sich die Priesterseminare zu Zentren der Nationalbewegung, die mit katholischem Glauben und litauischer Sprache dem übermächtigen Staat und seiner russisch-orthodoxen Kirche trotzten. Zum Unterschied von Esten und Letten, die sich gegen die Bevormundung durch die baltendeutsch geführte protestantische Kirche wandten, bildeten in Litauen katholische Kirche und frühe Nationalbewegung eine Einheit. Schützenhilfe bot das in wesentlich freieren Verhältnissen lebende Preußisch-Litauen: In Tilsit kam "Ausra" ("Morgenröte"), die erste litauische Zeitschrift, heraus, die die südliche Mundart Westlitauens zur Schriftsprache formte.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert nahm die politische Willensbildung schärfere Konturen an. Galt früher für den Litauer die Formel "gente lituanus, natione polonus", so änderte sich dies mit dem Bewusstwerden neuer, dem Bauerntum entstammender sozialer Schichten: Die Forderung nach kultureller Autonomie weitete sich zu der nach politischer Autonomie im Rahmen einer Föderation aus. Sie wurde insbesondere von der marxistischen Sozialdemokratischen Partei erhoben.

Die russische Regierung gab 1904 den Druck von Schriften in litauischer Sprache und lateinischer Schrift endlich frei. Im Gefolge der Revolution von 1905 trat nach Bauernunruhen ein litauischer Landtag (Seimas) in Vilnius zusammen und forderte die territoriale Autonomie für die zu vereinigenden Gouvernemente Wilna, Kowno und Suwalki.

Erste Zerwürfnisse mit polnischen Nationalisten im Streit um die Stadt Vilnius (polnisch Wilno), in der eine polnische Mehrheit lebte, kündigten sich an. Die ersten Wahlen zur Duma - ein Kurienwahlsystem, das die unteren sozialen Schichten benachteiligte - brachten den Litauern durch ein (gegen die Polen gerichtetes) Wahlbündnis mit den Juden sieben Abgeordnetensitze. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12. 5. 2002)

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