Die Fragilität des Normalen

10. Mai 2002, 19:58
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Judy Budnitz' Shortstories überzeugen nicht ganz

Sie beherrscht den Ton, der die immer zahlreichere und in den USA so beliebte Produktion von Kurzprosa über das Alltagsleben der Gegenwart, die nun auch im Deutschen Short Story heißt, zu einem Genre verschmilzt: kühl, oder vielmehr cool, witzig zwischen Ironie und Sarkasmus, zügig und dialogreich erzählt, meist im Präsens, mit kurzen Aussagesätzen, einer oder mehreren Pointen, die zu Gags verkommen können, wenn die Phantasie die Ökonomie der Kurzgeschichte verdrängt. Eine vergnügliche Lektüre, durchaus gesellschaftskritisch in Maßen mit einem Hang zum Grotesken und zum schwarzen Humor.

Das Thema sind stets Alltagssituationen, die entgleisen, und dieses Kippen ins Bizarre zerstört die Normalität, die sich als eine scheinbare, krampfhaft behauptete erweist. Dabei gerät die Realität ins Wanken, und die Brüche, die dabei entstehen, legen eine bedrohliche, aus den Fügen geratene Welt bloß. Am deutlichsten wird das in der ersten Geschichte, Hundstage, die ein Katastrophenszenario mitten in einer amerikanischen Kleinstadt zeichnet, in der aus einem unbekannten Grund die Infrastruktur versagt, alles zusammenbricht, Ausgangssperre und schließlich eine Hungersnot herrscht, die ehemals satte Bürger zu Tieren und Kannibalen werden lässt. Meist aber geht es um weniger Unheimliches, um kaputte Beziehungen, die gegen jede Vernunft aufrecht erhalten werden, absurde Dialoge, die aus politischer Korrektheit gnadenlos zu Ende und ad absurdum geführt werden. Das häufigste Mittel der Verfremdung ist das der grotesken Überspitzung, etwa wenn eine Gruppe von Cheerleaders ihren Teamgeist in einem kollektiven Selbstmord inszenieren, oder wenn bei einem statistisch ermittelten Durchschnittsbürger Telemarketer, ein Filmproduzent, der Präsident und schließlich Gott vorsprechen, um sich bei ihm Tips für Einschaltquoten zu holen. Ein Sohn wird von der Erwartung seiner Umwelt dazu getrieben, der herzkranken Mutter sein Herz zu spenden, das aber dann einem völlig fremden Mädchen transplantiert wird. Sich dagegen aufzulehnen wäre nicht politically correct. Aber etwas fehlt bei dieser vergnüglichen Lektüre absurder, ein wenig zu leicht lesbaren Geschichten. Es ist nicht handwerkliches Können, auch wenn manche Stories an einer Überdosierung absurder Gags leiden und die Gesellschaftskritik manchmal so bemüht wird, dass die Geschichte in eine Parabel umschlägt. Es kommt einem vor, als hätte man das alles schon einmal gelesen, in Sitcoms und Fernsehserien der gehobeneren Unterhaltung wie Ally McBeal gesehen. Man fühlt sich unterhalten und zugleich betrogen, weil hier jemand wenn auch mit Witz und Intelligenz die Unterhaltungsindustrie reflektiert, aber zugleich auch bedient. (Von Anna Mitgutsch - Album, 11.05.2002)

Judy Budnitz, Große Sprünge. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Heinrich. EURO 20,50/279 Seiten. Insel, Frankfurt/Main 2002.
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