Die Kunst des Fliehens

10. Mai 2002, 19:50
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Eigentlich kann es nur einen geben. Es gibt aber viele. Wolf Haas über das Phänomen der Schuhmacher-Doppelgänger

Je großartiger sich Schumis Rennkarriere gestaltet, um so abstruser wirken die närrischen Gerichtsfälle, die dem Weltstar immer wieder groteske Fratzen schneiden. Verdankte er schon seinen Einstieg in die Formel-1 der Verhaftung des damaligen Jordan-Piloten Bertrand Gachot, so verfolgten Schumi im vergangenen Jahr die albernen Auseinandersetzungen mit seinem Doppelgänger Frank Sasse.

Per Gerichtsbeschluss hatte Schumi versucht, seinem frechen Doppelgänger das Handwerk zu legen, doch das Gericht entschied gegen den Weltmeister. Die Aachener Agentur "Fame" durfte den Doppelgänger weiterhin zu Festen und Veranstaltungen vermitteln, bloß das Werbegeschäft wurde dem anderen Schumi untersagt, da hörte sich der Spaß dann doch auf.

Die ganze Sache eskalierte, als kurz nach dem Urteil Einbrecher die Doppelgänger-Agentur "Fame" heimsuchten und sämtliche Unterlagen dieses Schumi-2 mitgehen ließen. Auch wenn der sogleich auf Schumis Umfeld gefallene Verdacht nicht bestätigt werden konnte, muss ich sagen: Ich könnte es verstehen. So ein Doppelgänger hat etwas Existenz-Bedrohendes.

Nicht zufällig ließen Schriftsteller wie E.T.A. Hoffmann gern Doppelgänger antanzen, wenn es darum ging, der gespenstischen Welt ihren Spiegel vorzuhalten. Auch Herr Goljadkin in Dostojewskis "Doppelgänger" hat keine große Freude, als plötzlich der andere Herr Goljadkin auftaucht. Ja, was man Schumi niemals wünschen möchte, Herr Goljadkin verliert angesichts des anderen Herrn Goljadkin sogar den Verstand. Es ist also durchaus verständlich, dass Schumi den anderen Schumi vor Gericht zerrte.

Leider nahm das Unglück nach dem Einbruch bei der Agentur "Fame" erst so richtig seinen Lauf. Ähnlich diesen Seuchen, die nach Einbrüchen in Hochsicherheits-Chemielabors gern die Menschheit bedrohen, nahm nach dem Einbruch bei "Fame" die Schumi-Vervielfältigung bald epidemische Ausmaße an.

Nehmen Sie nur als Beispiel mein irritierendes Erlebnis im letzten Sommer. Ich erinnere mich noch genau, dass es einer dieser falschen Sonntage zwischen zwei Rennen war, den ich mit Zeitunglesen in einem Kaffeehaus herumzubringen versuchte. Nach einigem Suchen fand ich immerhin eine Zeitung, aus der mir Schumi entgegenblickte, und sogleich stürzte ich mich auf das neben dem Foto stehende Interview. Ich muss sogar sagen, es war das beste Schumi-Interview, das ich jemals gelesen hatte. Noch nie hatte er so offen und ehrlich über sich und das Rennfahren gesprochen:

"Mir fehlt der Blick in die Tiefen des eigenen Ich", erklärte ein selbstkritischer Schumi in diesem Gespräch und charakterisierte das manische Füllen seiner schmerzlichen Ich-Lücke durch unentwegtes Rennfahren mit dem melancholischen Satz: "Ich kenne nichts als die pausenlose zentrifugale Bewegung von innen nach außen."

Zwar stutzte ich kurz, als er mit derselben brutalen Konsequenz, mit der er beim Überrunden die Nachzügler zur Seite scheucht, mit seinen früheren Interviews ins Gericht ging: "Ich antworte so automatisch wie ein Affe mit der Hand zuckt." Doch richtig verdächtig wurde mir die Angelegenheit erst, als Schumi "Angst" als das Geheimnis seiner Schnelligkeit bezeichnete und das Rennfahren als "die Kunst des Fliehens".

Mit einem Wort: Ich war schon wieder einem Doppelgänger auf den Leim gegangen. Als ich das Foto noch einmal genauer unter die Lupe nahm, erkannte ich, was mich von Anfang an irritiert hatte. Dieser Mann ähnelte Schumi zwar aufs Haar, doch trug er eine Brille. Es war der russische Philosoph und Kunst-Theoretiker Boris Groys, der mit dem Künstler Ilya Kabakow hier über die Kunst des Fliehens philosophierte.

Na gut, hab ich eben einmal was über Kunst gelernt, es wird mir nicht gleich schaden. Irritierend war nur, dass das Unbehagen sich mit der rationalen Erklärung nicht auflösen wollte. Weder konnte ich mich dem Weiterlesen entziehen noch dem Eindruck, dass hier weiterhin Schumi über sich sprach und über den Teufel, der ihn so schnell über die Rennkurse trieb:

"Das ist die Angst nicht nur vor dem individuellen Tod", erklärte dieser Schumi-3 unter Verweis auf Kierkegaard und Heidegger, "sondern auch vor der Möglichkeit des Verschwindens alles Seienden. Der Welt ist die Möglichkeit des Verschwindens inhärent."

Kein Zweifel, hier stand alles, was der echte Schumi immer schon über das Rennfahren sagen wollte. Und gleichzeitig begann der Begriff "echter Schumi" zunehmend seinen Sinn zu verlieren.

Ganz wohl war mir nicht bei der Sache. Wenn Schumi nicht mehr Schumi war, was war dann überhaupt noch fix auf dieser Welt? Ausgerechnet dem Einzigartigen, dem Unvergleichlichen schien eine Art von Gestaltlosigkeit zu eignen, die überall Doppelgänger auf den Plan rief. Hatte er sich dafür sein Leben lang abgestrampelt, alle hinter sich zu lassen, um sich dann erst recht von Seinesgleichen eingekreist zu finden? Hatte das weltmeisterliche Tempo letzten Endes dazu geführt, dass er sich schon selbst im Rückspiegel auftauchen sah?

In meinem bedürftigen Glauben an Individualität suchte ich Rettung im exzessiven Studium der Schumi-Biographie. Das konnte doch nicht wahr sein, dass der Bursche sich nicht anständig abgrenzen ließ. Und tatsächlich, bald schon war Land in Sicht. All diese Teamkollegen, die im Lauf eines Jahrzehnts an ihm zerbrochen waren: Gab es einen besseren Beweis für den nach wie vor aufrechten Unterschied zwischen Schumi und Non-Schumi?

Angesichts dieser beeindruckenden Reihe von Minimalpaar-Analysen gewann Schumi wieder so deutliche Konturen wie eh und je. Ob Andrea des Cesaris im zweiten Jordan, ob Nelson Piquet, Johnny Herbert, Riccardo Patrese oder Martin Brundle im Benetton, ob Eddie Irvine im zweiten Ferrari, rückblickend betrachtet waren diese Team-Zwillinge doch alle nur dazu da, Schumis überlegene Einzigartigkeit zu betonen. Vom armen Barichello ganz zu schweigen, der sich noch nicht einmal entschieden hat, wie er seinen Namen ausgesprochen haben will. "Zu Hause nennen sie mich Barischello. In Italien rufen sie mich Barikello. Doch im Grand Prix-Zirkus heiße ich offiziell Baritschello." Aha. Zumindest Schumi sagen sie offenbar nirdgendwo zu Schumis Nummer zwei.

Dabei hatte gerade Ferrari immer wieder Fahrer-Gespanne, die dem oberflächlichen Betrachter durchaus als Doppel-Individuen erscheinen konnten. Ob es jetzt Michele Alboreto oder Stephan Johansson war, der im größeren Bogen am WM-Titel vorbeikurvte, wen kümmerte das groß? Ob sich jetzt Gilles Villeneuve im Ferrari das Genick brach und Didier Pironi im Ferrari nur die Beine und erst hinterher im Motorboot das Genick, oder umgekehrt, letzten Endes kam es auf das Gleiche raus. Beide Ferrari-Piloten beendeten die Saison nicht, und Weltmeister wurde, wer übrig blieb, nämlich Keke Rosberg samt Schnurrbart. Und erst Jean Alesi und Gerhard Berger. Ein Clown-Duo, das hin und wieder zum Gaudium des Publikums sogar aufs Podium stolperte, wenn die Crash-Nummer in der ersten Kurve einmal nicht klappen wollte.

Das waren die Jahre, in denen Schumis Talent erst reifte. Je intensiver ich mich mit der Geschichte beschäftigte, um so deutlicher nahm er wieder Gestalt an. Schumi in Kerpen als eifrig trainierendes Kind auf der Kartbahn seines Vaters, wo Mutter Elisabeth tüchtig die Kantine führte. Dort wurde getrunken und geredet, und alle freuten sich auf den Tag, an dem Schumi der Welt auf und davon fahren würde. Die Stammgäste fieberten dem Jahr 1991 entgegen, wo Schumi in Spa seinen ersten Grand Prix fahren würde.

Weiter als bis zur ersten Kurve kam er da zwar nicht, aber bitte, in Monza war's dann schon der fünfte Platz, das war doch ein Grund, aus lauter Vorfreude noch ein Kölsch zu kippen in Mutter Elisabeths Kantine mit den ekelhaften, verrauchten Stores vor den grauenhaften Panoramafenstern. Im Zuge meiner biographischen Studien wurde mir immer klarer, wie falsch all die arroganten Kommentatoren Schumis entschlossenen Siegeswillen interpretiert hatten. Als die Wut des Aufsteigers, dessen Weg nur eine Richtung kannte. Raus aus Kerpen.

Denn Kerpen war das Paradies. All diese glücklichen Schumi-Fotos. Wahrscheinlich wäre er heute noch dort, als Kantinen-Wirt glücklich bis ans Ende seiner Tage. Hätte nicht dieser apokalyptische Schrecken im Kerpener Kart-Paradies auf ihn gelauert. Denn Elisabeth nährte nicht nur den zukünftigen Weltmeister Schumi an ihrem Busen, sondern auch den gefährlichsten aller zukünftigen Doppelgänger, den anderen Schumi. Und im Gegensatz zu all den andern sitzt dieser Schumi-4 bereits im Williams und lauert auf seine Chance. Und bedroht Schumi neuerdings als immer größer werdender Schatten. Bald wird er beanspruchen, selbst Schumi zu sein. So ist es nämlich immer mit den Doppelgängern. Zuerst wollen sie bloß dabei sein, doch sie geben sich nicht zufrieden, bis du nur noch ihr Doppelgänger bist.

Diese Erkenntnis war der Tiefpunkt meiner Bemühungen, Schumi zurück zu gewinnen. Das Studium der Schumi-Biographie hatte mir nichts gebracht. Es schien sinnlos, sich an der Identität festzukrallen. Wo man auch hinblickte, ein Schumi. Schließlich gab ich auch den hilflosen Versuch auf, durch Nummerierung eine letzte Unterscheidung zu versuchen.

Mittlerweile konnte ich nicht mehr ohne Angst an Schumi denken. Es war wohl die Angst, von der auch er in seinem Interview sprach. "Das ist die Angst davor, selbst dann nicht zu existieren, während ich doch lebe und etwas tue. Die Angst, dass ich spreche, lächle und arbeite wie ein von anderen dressierter Affe. Die Angst vor einem solchen Leben ist es, die meine Knie zittern lässt."

Ich weiß nicht mehr, wann genau ich aufhörte, die einzelnen Schumis zu unterscheiden, und wann ich erstmals bemerkte, dass ich selbst Schumi bin. Ich weiß nur, dass ich durch all diese Höllen des Zweifels offenbar gehen musste, um mir endlich meine wahre Identität einzugestehen. Auf die Frage eines Reporters, warum ich so lange mein Schumi-Sein vor mir selbst verbarg, antwortete ich unlängst: "Das ist die Flucht vor dem Namen, die beständige Weigerung, der zu sein, den sie beim Namen nennen oder sogar der, den du dich selbst nennst."

Jetzt freue ich mich auf das Rennen in Österreich. Meine Gegner hab ich gut im Griff, und selbst diesen österreichischen TV-Journalisten fürchte ich nicht mehr. Meinetwegen soll er sich wieder heranschmieren und mich süß lächelnd daran erinnern, dass ich in seiner Heimat noch nie gewonnen habe. Ich werde ihm am Sonntag die Freude verderben. Und wenn mein Bruder versuchen sollte, mich zu überholen, schieße ich ihn einfach von der Strecke. Noch nie fühlte ich mich so stark wie diese Saison. Nur all diese Doppelgänger gehen mir langsam auf die Nerven. (Album, 11.05.2002)

Alle Zitate entstammen dem Buch von Boris Groys/Ilya Kabakow: "Die Kunst des Fliehens. Dialoge über Angst, das heilige Weiß und den sowjetischen Müll". Carl Hanser Verlag 1991. Wolf Haas ist Autor des Formel-1-Krimis "Ausgebremst" (Rowohlt, Reinbek EURO 7,80/172 Seiten), er lebt in Wien. Zuletzt erschien von ihm der Brenner-Krimi "Wie die Tiere" (Rowohlt. EURO 18,40/217 Seiten).
  • Artikelbild
    matthias cremer/standard
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