"Mütterbewegung, die voll auf Beruf setzt"

10. Mai 2002, 19:38
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Barbara Vinkens feministische Kritik der traditionellen Mutter

Wien - Nicht warten auf das nächste unnütze Küchengerät, sondern Forderungen stellen: Das ist es, was die Berliner Literaturwissenschafterin Barbara Vinken allen Müttern zum Muttertag empfiehlt. Es sei Zeit für eine neue "Mütterbewegung" - und zwar eine, "die selbstbewusst voll auf den Beruf setzt und nicht auf die Kinder", so die Autorin des Buches "Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos".

Auf Einladung der SPÖ-Frauen, die den Muttertag wieder als "Rabenmuttertag" ironisieren und rechtlichen Anspruch auf Zeitökonomie für Eltern im Betrieb forderten, formulierte die deutsche Uni-Professorin Freitag teils sehr provokante Thesen über das Geschlechterverhältnis und die Rolle der Mütter.

Vinken, selbst Mutter eines fünfjährigen Sohnes, setzt nicht so sehr auf die Männer, sondern auf die Frauen selbst, denen sie durchaus ein selbstverschuldetes Dasein im "Mütterreservat" der Gesellschaft vorwirft: "Natürlich sind die Frauen selber auch schuld, das ist nicht nur ein Versagen der Politik. Die deutsche Mutter-Kind-Symbiose ist eines der bestgeschützten Reservate der Welt, vor allem weil niemand Anstalten zum Ausbrechen macht."

Das "Mutterdogma" samt Dauerpräsenz für das Kind habe sich lange auch aus der Vorstellung über die "Mutter-Kind-Welt als die bessere, humanere Welt" gespeist - und fungierte als trügerischer Ersatz für eine (erfüllende) Teilnahme am Arbeitsmarkt. Folgen: Länder wie Deutschland oder Österreich hätten eine besonders große Einkommenskluft zwischen Männern und Frauen und eine der geringsten Geburtenraten in Europa. In Frankreich oder Dänemark gebe es indes hohe Frauenerwerbstätigkeit und viele Kinder - und genug Kinderbetreuungsinfrastruktur ab dem Kleinkindalter. Die Kinder dieser berufstätigen Mütter, betont Vinken, seien übrigens nicht mehr oder weniger neurotisch als Kinder mit mütterlichem Ganztagsservice.

Voraussetzung sei auch eine Revision des Mütterbildes. Man müsse Mütter endlich als normale Erwachsene mit normalen gesellschaftlichen Verpflichtungen sehen. Derzeit sei es so, dass die "so genannte Vereinbarkeit von Beruf und Familie reine Frauensache ist. Es geht dabei um nichts Geringeres, als Frausein unter Beweis zu stellen."

Kritik übt Vinken aber auch am Feminismus, der sich, so Vinken, zur Zeit des ersten Weltkrieges ganz auf Mütterlichkeit als die zentrale Erfüllung für Frauen konzentrierten - und mit entsprechender Heftigkeit in den Siebzigern etwa von Alice Schwarzer konterkariert wurde: "Da waren Mütter plötzlich nur noch blöd", es folgte die "totale Verachtung der Nichtmütter für Mütter", sagt Vinken. Eine Reaktion, die sie mit ihrem Buch ebenfalls zu spüren bekam. Die untergriffige Frage, wie lange sie denn ihr Baby gestillt habe, wagte aber nur ein Mann. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12. 5. 2002)

Von Lisa Nimmervoll
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    "Die deutsche Mutter-Kind-Symbiose ist eines der bestgeschützten Reservate der Welt, vor allem weil niemand Anstalten zum Ausbrechen macht"

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