"Gebürtig": "Vergangen" – Was heißt das schon?

27. Juli 2004, 17:19
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"bilder, die uns von der gegenwart erzählen, mögen sie auch aus der vergangenheit kommen": Dies beschwor völlig zu Recht die junge Schriftstellerin Kathrin Röggla in ihrer Eröffnungsrede zur in der Grazer Oper gestarteten Austro-Jahresfilmschau Diagonale 2002. Darauf antwortete gewissermaßen die folgende Premiere der Romanverfilmung Gebürtig mit einem lakonischen Insert:

Foto: Filmladen

Die Handlung sei "in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts" verortet. Gebürtig, inszeniert von Lukas Stepanik und Robert Schindel, ist also gewissermaßen schon ein Historienfilm - aber mit Gegenwartsbezug. Ungebrochen virulent ist die Frage, wie man sich erzählerisch und dokumentarisch dem Erinnern an die Verbrechen der Nazizeit zu nähern habe. Immer noch laborieren Täter-und Opfer-Kinder an den Nachwirkungen der so genannten Zeitgeschichte.

Robert Schindel erfasste jedoch Anfang der 90er mit seinem Roman Gebürtig ein besonders neuralgisches, weites Feld: Im Gefolge von Kurt Waldheims "Jetzt erst recht!" wurden Österreichs Säumigkeiten bei der Aufarbeitung schier unerträglich.

Schindel entstellte also in lyrischer und zugleich realen Verhältnissen verpflichteter Sprache einige ihm bekannte Lebensläufe bis zur Kenntlichkeit: Ein in die USA emigrierter Künstler lässt sich zur Rückkehr nach Wien überreden, um gegen einen ehemaligen NS-Schlächter auszusagen: vergebens. Ein jüdischer Intellektueller macht beklemmende Erfahrungen als Statist bei einem Auschwitz-Film. Der Sohn eines Kriegsverbrechers sieht sich "unschuldig zu einer Schuld gekommen, die er nicht mehr zu ertragen weiß".

Foto: Filmladen

Diese und andere Episoden vereint nun auch der Film, freilich in einer den Dramaturgien des Kinos angepassten, etwas vereinfachten Form. Was mitunter tatsächlich beeindruckend lapidare Szenen zeitigt: Otto Tausig etwa wird beim Casting zu den KZ-Dreharbeiten als zu wenig jüdisch abgelehnt und quittiert dies mit den Worten: "Den Nazis war ich jüdisch genug." Und wirklich gespenstisch ist eine Szene, in der August Zirner als Robert Schindels Alter Ego Danny Demant vor strangulierten Häftlingspuppen zu verzweifeln beginnt und sich irgendwann die Maskerade eines kahl geschorenen Hauptes herunterreißt.

In einem aber scheitert der Film eklatant und ist deswegen letztlich doch nur ein besserer Anwärter für das ORF-Hauptabendprogramm: Während Schauspieler wie Zirner oder Peter Simonischek schön gedrechselte Sätze sprechen, bleibt die Gegenwärtigkeit des beschriebenen Wiener Milieus auf der Strecke: zu viel Kulisse, zu viel konventionelle, epigonale Anlehnung an das österreichische Fernsehspiel der 70er- und 80er-Jahre. In diesem Sinn ist Gebürtig auch Axel Corti gewidmet - ein nettes nostalgisches Signal. Aber im Gefolge von Kathrin Rögglas Rede ist es ein unfreiwilliger Beleg dafür, was uns im heimischen Kino oft an Gegenwart und Wirklichkeit vorenthalten wird.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 3. 2002)

Von
Claus Philipp
gebuertig.com
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